Die vielen Götter der Informationsgesellschaft
Als der Apostel Paulus nach Athen kam, traf er auf eine regelrechte Informationsgesellschaft. „Alle Athener und die dort ansässigen Fremden“, erzählt der Hl. Lukas in der Apostelgeschichte (17,21), „haben für nichts anderes Zeit, als Neuigkeiten zu erzählen oder zu erfahren.“ Der Marktplatz war Nachrichtenbörse, Diskussionsforum, Klatscharena, Laberbühne.
Kaum hatte Paulus angefangen, von Christus zu sprechen, fanden sich Kritiker und Interessierte ein. Die einen hielten ihn für einen Schwätzer, die anderen fanden ihn unterhaltsam: „Er scheint ein Verkünder fremder Götter zu sein“. Sie luden ihn zu einer Talkshow ein. „Sie nahmen ihn“, erzählt der Hl. Lukas, „nun bei der Hand und führten ihn vor den Areopag und fragten: Dürfen wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du verkündest?“ Der Areopag war früher eine Art Parlament gewesen. Jetzt war es der Treffpunkt der meinungsbildenden Prominenz. Heute wäre Paulus ins Fernsehstudio eingeladen worden.
Die Stadt Athen beherbergte Menschen unterschiedlichster Lebensformen, Lebensentwürfe und Lebensziele. Wie ja auch unsere Mediengesellschaft den unterschiedlichsten Weltbildern und widersprüchlichsten Wertvorstellungen gleiche Wahrheitsgeltung zubilligt. Der Gleichrang aller beliebigen Sinn- und Glücksoptionen ist geradezu der zentrale Glaubenssatz unserer Medienverkündigung. Noch das extravaganteste Credo, das sich jemand aus Versatzstücken tatsächlicher Religionen, herrschender Moden und Horoskopen zusammensetzt, wird in sein Recht gesetzt. Jeder kann sich seinen Gott aussuchen - wie im hellenistischen Polytheismus, der Vielgötterei zu Paulus’ Zeiten in Athen. Die Stadt, das war dem Paulus gleich aufgefallen, war voll von Götzenbildern. Im dortigen Pantheon, einem Tempel, der gleich für alle Arten von Göttern gebaut worden war, war sogar ein Platz, der einem noch gar nicht bekannten Gott gewidmet war.
Als nun Paulus die Promis im Areopag auf den unbekannten Gott im Pantheon hinweist und sagt, über den er wolle er nun sprechen, sind alle äußerst gespannt. Das klingt nach neu, nach Sensation. Selbst zum Hintergrund gegenwärtiger Kirchenfeindlichkeit unserer Massenmedien liefert uns die Areopag-Szene dann einen entscheidenden Hinweis. Als Paulus nämlich durchblicken läßt, neben diesem - durch die Auferstehung von den Toten beglaubigten - wahren Gott hätten allerdings die anderen Götter keinen Platz, fällt der Vorhang. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ (Apg, 17,32). Paulus ist verabschiedet. Irgendwie Religiöses war „in“. Aber Wahrheit? Ein Gott, der wahr zu sein beansprucht, respektiert nicht den Markt, schädigt das Geschäft, ist fundamentalistisch.
Trotzdem war die Öffentlichkeit in Athen von anderer Art als die unserer Medienwelt. Man sprach persönlich miteinander. Die heutige Massenkommunikation ist eine Einbahnstraße. Daran werden auch das sogenannte interaktive Fernsehen und das Internet nicht viel ändern. Wie die Produktion die Industriegesellschaft in Unternehmer und Arbeiter, so teilt die Massenkommunikation die Informationsgesellschaft in Produzenten und Konsumenten der Weltwahrnehmung. Der Konsument nimmt wahr, der Produzent bestimmt, was. Aber nicht einmal der Produzent ist frei. Er ist abhängig vom Markt und von der öffentlichen Meinung. Markt - die Konsumenten also, allerdings in ihrer Masse, als abstrakte Größe - und öffentliche Meinung sind beide anonym und ihrerseits Produkt veröffentlichter Meinung.
Es herrschen die Gesetze des Marktes. Die Wirklichkeit muß einfach sein. In einer Fernsehsendung gelten zwei logische Schritte als nicht zumutbar. Inzwischen haben auch politische Magazine gelernt, selbst schwierige Themen auf maximal zwei reich bebilderten Seiten erschöpfend abzuhandeln. Und der Konsument? Er kann doch wählen! In Wirklichkeit zappt er sich das Vielerlei des an dem gleichen Markt erprobten Gleichen. Oft bleibt nur ein Fragmenten-Mix im Kopf. Bei Vielkonsumenten läuft das Fernsehen der eigenen Lebenserfahrung den Rang ab. Überhaupt Erfahrung: Man muß ja gar nicht mehr, um mit dabei zu sein, irgendwohin fahren. Man die Welt nicht mehr „er-fahren“. Nicht einmal der Journalist im Stadion kommt dem Torschützen so nah wie ich im Fernsehsessel.
Ob alles wahr ist? Wer will das schon prüfen? Geirrt hat man sich immer schon - und auch gelogen. Was überhaupt ist Wahrheit? So fragte auch Pilatus schon. Die Frage „Ist das wahr?“ scheint überholt. Echt muß es sein! Zum Beispiel der verschmutzte Bach. Skandal! Hab ich doch selbst gesehen. Nur: wurde nicht vielleicht, weil sonst der Schmutz nicht telegen ins Bild gekommen wäre, mit etwas Flüssigseife nachgeholfen? Die Wahrheit, daß die Umwelt sehr gefährdet ist, kam jedenfalls nur um so deutlicher ins Bild. Schulausflug nach Bonn. Der Sohn eines Freundes sieht den leibhaftigen Bundeskanzler. Der Junge, an ein täglich ausgiebiges Fernsehpensum gewöhnt - erzählt abends den Eltern, der Bundeskanzler sei aber gar nicht so gewesen, wie er wirklich ist.
Tatsächlich muß der Bundeskanzler auf dem Bildschirm mehr Bundeskanzler sein. Es ist ein Zwang des Mediums. Jeder Wirklichkeit, die es auswählt, räumt es mehr Wirklichkeit ein, als ihr im Ganzen der Wirklichkeit zukommt. Und es ist ein Zwang für den Bundeskanzler. Weil er nur der Kamera und niemandem konkret begegnet, muß er sich inszenieren. Er spielt die verdichtete „Rolle“ Bundeskanzler. Der Bundeskanzler steht da nicht allein. Soziale Rollenzuweisung, Interessen- oder Gruppenrepräsentanz, Mode und das Image-building der PR-Agenturen zwingen jedermann, der sich nicht still aufs Land zurückzieht, in die distanzlose öffentliche Selbstdarstellung. Wer nicht mitspielt, spielt keine Rolle. Erfolg hat, wer sein Image pflegt. Wer scheitert, hat sich schlecht „verkauft“. Der Medienrummel um den angeblichen rassistischen Mord an Josef in Sebnitz war gewiß beschämend. Sogar der Kanzler ist ihm aufgesessen. Aber ein Geschäft war er allemal.
Der Markt will gar nicht bloße Wirklichkeit. Vor allem will der Konsument gut unterhalten werden. Das fordert kreative Medien heraus. Nur zeigen, was geschah, ist wenig kreativ. Gestern erzählte Hansi vom Flugzeugabsturz aus der Tagesschau und vermischte ihn nur mit dem im Film von 21 Uhr. Im Infotainment gibt es solche Grenzen gar nicht mehr. Im vollen Sinne kreativ ist, eine Kunst-Welt vorzuführen. Nur muß sie echt sein - ganz authentisch:
Jedes Medium, das eine Wirklichkeit abbilden kann, kann sie auch nachbilden. Stereoleinwand, Stereophonie. In die Kinosessel wurden Vibratoren eingebaut. Das Erdbeben kann beginnen. Der amerikanische Rundfunk sendete 1938 das epochemachende Nachrichten-Hörspiel von Orson Welles „Krieg der Welten“: Eine fremde Macht aus dem Weltraum erobert den amerikanischen Kontinent, Stadt um Stadt wird zerstört. Hörer, die sich in die Sendung einschalten, begehen Selbstmord, und Karawanen von Flüchtlingen bevölkern die Straßen.
Für den schwärmerischen Fernsehoptimisten der 1960er Jahre, Marshall McLuhan, sollte das Fernsehen die Buchkultur überwinden, weil sie den Menschen einenge. Von den Bildschirmsimulationen erwartete er die Geburt eines neuen Menschen mit erweitertem Bewußtsein. Zwanzig Jahre später hebt der Fernsehpessimist Neil Postman („Wir amüsieren uns zu Tode“) die Buchkultur in den Himmel, um den Bildschirm zu verteufeln. Aber beide stimmen darin überein, daß das, was den einen begeistert und den anderen entsetzt, das Medium selbst ist und nicht dieser oder jener Inhalt, den es transportiert. „The medium is the message“ (Die Botschaft ist das Medium selbst) lautet McLuhans berühmtester Satz.
Unter dem ständigen Konsum der Bilder verschwimmt die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Inszenierung, zwischen Abgebildetem und Bild, zwischen Präsenz und Repräsentation. Jean Baudrillard beschrieb die subversiven kreativen Bilder als Kopie einer Welt, zu der es das Original gar nicht gibt. Die Frage, ob die Bilder wahr sind, stellt sich gar nicht mehr.
Eine auf Wissenschaft und Technik gestützte Kultur kann aber gar nicht überleben ohne die Selbstverständlichkeit, daß das, was wir von der Welt erkennen, mit der Wirklichkeit übereinstimmen muß. Das Wissen ist wahr oder es ist gar kein Wissen. Die noch so kreativ entwickelte Autoachse wird nur danach bewertet, ob sie in der Kurve die gute Straßenlage des Kraftfahrzeugs gewährleistet. Die Achse muß sich in der Wirklichkeit bewähren, sie muß der Wirklichkeit gehorchen.
Der Wirklichkeit gehorchen. Überhaupt gehorchen. Ist das nicht unser eigentliches Problem? Der Wirklichkeit gehorchen - das hat mit Wahrheit zu tun. Denn sie führt uns die Wirklichkeit vor Augen. Wahrheit verlangt Gehorsam. Gehorsam ist kein gern gehörtes Wort bei uns Emanzipierten. Wer Gehorsam verlangt, ist repressiv. Und in der Bildschirmwirklichkeit sind wir von dieser repressiven Wirklichkeit befreit. Befreiung von der Wirklichkeit als eine Errungenschaft fortgeschrittener Emanzipation!
Da stört, wer oder was beansprucht, wahr zu sein. Das mußte schon der Hl. Paulus in Athen erfahre. Die Wahrheit stört den Frieden. Sie respektiert nicht den Markt, sie schädigt das Geschäft. „So ging Paulus aus ihrer Mitte hinweg“, heißt es in der Apostelgeschichte weiter, „einige aber schlossen sich ihm an..“ (Apg. 32-33).
Immer kommt es auf diese „einige“ an, die gegen den Strom schwimmen. Später ist Athen eine christliche Stadt. Heute ist es eine Illusion, darauf zu warten, daß alle nachdenken über so etwas wie Medienerziehung. Die Bildungspolitiker verwechseln sie neuerdings sogar mit ihrem Programm „Computer in die Schule“. Das Programm ist ja schön und gut. Aber es ist um so mehr an der Zeit, daß wenigstens einige Eltern und Lehrer Ernst machen mit der Erziehung der Kinder zu einem ihnen zuträglichen, maßvollen und kritischen Medienkonsum.
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