Rezension: Girls On The Edge (Mädchen am Limit)

Rezension: Girls On The Edge (Mädchen am Limit)

Leonard Sax erläutert in seinem neuesten Buch, was Mädchen in die Krise treibt. Als Leonard Sax, Arzt, Psychologe und einer der Verfechter getrennt geschlechtlicher Erziehung, im Jahr 2005 sein Buch mit dem Titel "Boys Adrift, (Jungen im Abseits)" herausbrachte, waren viele überzeugt, dass Jungen einfach schwerer erziehbar und schlechter sozialisierbar sind. Die Mädchen machen ihre Sache gut, so sagten die Leute, mit Blick auf deren schulische Leistungen, aber die Jungen haben große Probleme. Mit seinen 15 Jahren Erfahrung als praktischer Arzt ist Sax überzeugt, dass diese Meinung falsch ist. Sicher sind Mädchen oft ehrgeizig und strebsam, doch offenbaren sie dabei vielfach Züge von Besessenheit, die in sich ebenso schlecht sind, wie der Rückzug der Jungen in ihr Zimmer bei Baller-Spielen und Porno-Konsum.

Rezension von Carolyn Moynihan (stellvertredende Chefredakteurin bei MercatorNet) - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Sax stellte in zunehmenden Maße fest, dass die Mädchen, denen er in seiner Praxis begegnete, auf irgendwelche idealistischen Vorstellungen hin fixiert waren: als Top-Studentin, Super-Sportlerin, als Top-Model mit superschlanker Figur etc., bis hin zu dem Punkt, dass ein Nichterreichen dieser Vorstellungen zu schweren existenziellen Krisen oder gar zu psychischen Zusammenbrüchen führte.

Vier Auslösefaktoren für Mädchen-Krisen

Auch außerhalb seiner Praxis brachten ihn seine Untersuchungen und Forschungsarbeiten mit häufiger Rückkopplung zu Mädchenschulen zu der Überzeugung, dass eine stetig wachsende Zahl von Mädchen in einer Cyber-Blase gefangen ist. Wenn sie nicht gerade an ihrem Erscheinungsbild bei einem der sozialen Netzwerke, wie Facebook o.ä. feilen, „Simsen“ sie nonstop, das Handy Tag und Nacht eingeschaltet, um nur ja keine ach so wichtige Nachricht wie: „OMG (oh my God), ich dachte immer, Du seiest Jasons’s Freundin, aber ich fand gerade heraus, dass....“ zu verpassen und unmittelbar antworten zu können. Natürlich braucht man dann auf dem Weg zur Schule einen doppelten Espresso, um einigermaßen wach zu bleiben.

Gravierender, und in gewisser Weise trendverstärkend, erweist sich jedoch die umfassende Sexualisierung junger Mädchen, die den Verlauf der letzten 50 Jahre mit immer mehr Dynamik prägen. Sie ist eigentlicher Auslöser der Identitätskrise. Wenn bereits Mädchen im vorpubertären Alter so aufreizend angezogen sind, als hätten sie sexuell etwas zu bieten, wird sexueller Konfusion Tür und Tor geöffnet.

Und schließlich gibt es noch etwas, das Dr. Sax als Arzt große Sorgen macht, jedoch öffentlich kaum wahrgenommen wird: Umweltgifte (z.B. aus Plastikverpackungen von Lebensmitteln) tragen zu früh einsetzender Pubertät bei, die die Phase der Kindheit verkürzt und gerade Mädchen den Risiken von Depressionen, Essstörungen und u. U. Straffälligkeit aussetzen, und nebenbei, auf lange Sicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ebenso wie Brustkrebs begünstigen.

Sexuelle Identität, das sich Austoben im Cyberspace, Obsessionen und Umweltgifte sind die vier Auslösefaktoren, die Krisen heranwachsender Mädchen begünstigen, hat Sax in seinem jüngst erschienenen Buch, „Girls on the edge“ (Mädchen am Limit) festgestellt. Es hätte auch den Titel: „Mädchen an der Oberfläche“ tragen können, denn es ist oberflächlich, wenn Mädchen nur darum besorgt sind, wie (gut) sie aussehen, was sie leisten, was sie tun und nicht, was sie sind; Mädchen, die unersättlich nach dem neusten Gerücht oder der nächsten Bestnote, doch untröstlich bei Rückschlägen und Misserfolgen sind.

Die unbestreitbare Bedeutung des Geschlechts

Die Situationsbeschreibung nimmt etwa die Hälfte des Buches ein, die andere Hälfte bietet Lösungen an, die alle auf einen Punkt hinauslaufen: die Wertschätzung des eigenen Geschlechts, eines der wichtigsten Themen unserer Gesellschaft, zu dem Sax sich immer wieder eindeutig geäußert hat, nicht zuletzt durch seine Beteiligung als Gründungsmitglied der „Nationalen Vereinigung für getrennt geschlechtliche Erziehung“ im Jahre 2002.

Einige Zeitgenossen glauben, Sax habe sich in das „Gender“ -Thema verrannt, sein erstes Buch trägt den Titel: Why Gender Matters, (Warum das Geschlecht eine Rolle spielt), doch dies ist letztlich der Tatsache geschuldet, dass die „Gender“–Diskussion der letzten Jahre beharrlich den Bezug zu einem männlichen und einem weiblichen Geschlecht zu ignorieren und zu verwischen trachtet.

Sax nimmt diese Bestrebungen sehr ernst und bemerkt dazu in seinem neuesten Buch: Die stabilsten Kulturen, von denen wir Kenntnis haben, haben den Prozess des Übergangs in ein geschlechtsbewusstes Erwachsenendasein immer sehr ernst genommen. Wir dagegen ignorieren diesen Prozess. Amerikanische Eltern sprechen selten mit ihren Kindern, wenn überhaupt, über die Bedeutung des Frau-Seins, oder des Mann-Seins (im Gegensatz zum unspezifischen „Erwachsen-Sein“). Die meisten Eltern wissen einfach nichts dazu zu sagen. Dennoch möchten Mädchen wissen, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Ebenso möchten Jungen wissen, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Wir bleiben ihnen die Antwort schuldig. Und so füllt der Markt das Vakuum, der die Klischees der Vorstellungen von „Männlichkeit und Weiblichkeit“ bedient, doch sind dies häufig Karikaturen, die allerdings die Heranwachsenden nicht als solche erkennen können, wenn man ihnen nicht die Augen öffnet.

Anlässlich einer Vortragsreise durch Neuseeland und Australien machte Dr. Sax in einem Gespräch mit MercatorNet in Auckland deutlich, dass er sich nie mit Gender-Themen als solchen befasst habe. Er sah sich immer nur genötigt, ihre Bedeutung im Zusammenhang mit seiner Arbeit als praktischer Arzt herauszustellen. „Im Verlauf der letzten 22 Jahre als Arzt hatte ich oft mit Kindern zu tun, die Probleme mit ihrer Identität als Mädchen oder Junge hatten, und weder Eltern noch Berater hatten die leiseste Idee, wie wichtig dies für ihr Kind ist, deshalb habe ich begonnen, darüber zu schreiben.“

Doch gab es auch ein sehr persönliches Motiv, Girls On The Edge zu schreiben. Dr. Sax zog einige Fotos aus der Tasche und sprach voller Stolz über seine vierjährige Tochter Sarah. „Ich hätte mich nie entschlossen, dieses dritte Buch zu schreiben, wenn es Sarah nicht gäbe. Sie ist unser einziges Kind, nachdem unsere Ehe über 15 Jahre kinderlos blieb.“ Sarah gab Dr. Sax einen Anstoß über die Bedürfnisse von Mädchen nachzudenken und die Schlüssel zu einer erfolgreichen Erziehung von Töchtern zu identifizieren. Er behandelt diese Schlüssel in seinem Buch in den Kapiteln: Verstand, Körper und Geist.

Klar herausgearbeitete Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen

Das Kapitel „Verstand“ befasst sich ausführlich mit der Ausbildung von Mädchen und den Vorteilen getrennt geschlechtlicher Erziehung, speziell auch im Hinblick auf Fächer, die Mädchen vielleicht weniger liegen, wie z. B. Physik, die oft sehr gut von erfahrenen Lehrerinnen vermittelt werden können. Sax unterstreicht die Bedeutung dessen, dass Mädchen am Beispiel gefestigter erwachsener Frauen „lernen“, was Frau-Sein bedeutet, was viel schwieriger im ablenkungsreichen Umfeld einer koedukativen Schule möglich ist. (Sax hat in den vergangenen 10 Jahren mehr als 300 Schulen in USA, Kanada, Australien, Neuseeland und England besucht und Workshops für Lehrer und Eltern gehalten.)

Die Vorteile getrennt geschlechtlicher Erziehung treten auch bei Sport und Leichtathletik zu Tage, die im Kapitel „Körper“ behandelt werden. So sind die Körper von Jungen und Mädchen unabhängig von der sexuellen Ausprägung auch unterschiedlich leistungsfähig, was Berücksichtigung finden muss. Im Gegensatz zu einer oft artikulierten, oberflächlichen Meinung hat getrennter Sportunterricht einen leistungsfördernden Effekt, während gemeinsamer Sportunterricht bei Jungen und Mädchen zu Einengung und Homogenisierung führt.

Besonders interessant sind jedoch seine Ausführungen über „Geist“, die manchen Missionaren des Säkularismus sauer aufstoßen. Selbst manche Eltern fühlen sich unwohl, wenn Sax ihnen sagt, dass der Kern der Identität ihrer Tochter in der spirituellen Erfüllung liegt. Da Eltern den größten Einfluss auf die spirituelle Entwicklung ihrer Kinder haben, ermutigt er sie, die vielleicht negativen Erfahrungen ihrer eigenen Jugend hintanzustellen und sich für die Fragen spiritueller Natur zu interessieren, die im Verlauf der Pubertät aufkommen.

Er schreibt dazu: Wenn Eltern die aufkeimende Spiritualität ihrer Tochter nicht fördern, kann sie verloren gehen. Wenn dies geschieht, besteht die Gefahr, dass dieses Mädchen –wie so viele– Spiritualität durch Sexualität substituiert. Für Teenager und junge Erwachsene liegen Spiritualität und Sexualität emotional oft eng beieinander. Manche Mädchen sehnen sich nach Erfüllung ihrer Sehnsüchte in einer romantischen oder sexuellen Beziehung. Sie werden enttäuscht, weil kein junger Mann und keine junge Frau die Nische im Herzen ausfüllen kann, die dem tiefsten Sinn des Lebens vorbehalten ist. Doch das wissen diese Mädchen nicht. Im Rausch der eben erwachten Sexualität stürzen sie sich kopfüber in eine romantische Affäre. Die Hörigkeit in der Beziehung kann soweit gehen, dass dem Partner eine nahezu „göttliche“ Autorität eingeräumt wird, mit oft schrecklichen Folgen.

Der Schutzeffekt einer religiösen Bindung Heranwachsender wurde vielfach erforscht und dokumentiert. Sax zitiert eine Studie mit 3000 amerikanischen Teenagern, die belegt, dass nur 3% der religiös gebundenen Jugendlichen der Meinung sind, sexuelle Betätigung sei dann in Ordnung, wenn man „emotional dazu bereit sei“. Diese Meinung teilen 56% nicht religiös gebundener Teenager. Unter den religiös gebundenen sind auch deutlich weniger Raucher, weniger Trinker und weniger Mädchen, die mit ihrem Körper unzufrieden sind, wohl eines der größten Problem vieler junger Frauen.

Es gibt eigentlich nur einen Aspekt, bei dem ich mit Sax nicht übereinstimme: Er sympathisiert mit der Vorstellung, dass „Gender” eine persönliche Anlage und nicht zuerst eine Gegebenheit ist. Er lehnt sich hier vielleicht ein wenig zu sehr an den Philosophen Robert Bly und die Psychoanalytikerin Marion Woodman an, wenn er den Übergang vom Mädchen zur Frau als Findung einer Balance zwischen femininen und maskulinen Charakterzügen beschreibt. Sicher sind Männlichkeit und Weiblichkeit keine Gegensätze; Frauen können durchaus männliche Qualitäten haben und sehr männliche Verhaltensweisen an den Tag legen, doch geht Sax zu weit, wenn er sagt: „Jeder Mensch kann sehr weiblich, oder sehr männlich, oder zugleich weiblich und männlich, also androgyn, oder aber weder weiblich noch männlich, also undifferenziert sein.“
Dies scheint mir ein Bruch zwischen Psyche und Verhalten, die durch die Umstände vorgegeben sind, Körper und Geschlecht prägen die Person.

Und dennoch möchte jedes Mädchen wissen, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Ebenso möchte jeder Junge wissen, was es bedeutet, ein Mann zu sein.

Als wir diese, seine Worte in unserem Gespräch aufgriffen, erklärte er, dass er keinesfalls auf ein „wesentlich“ weibliches oder männliches Element Bezug nehmen wolle, mit der Vorstellung, dass Sexualität unterschiedliche Bedeutung für Männer und Frauen habe und grundlegend für die Frage nach der Identität sei. „Ich glaube“, so sagte er, „ dass Sexualität nicht eine Begriffsbedeutung hat, sondern einen ganzen Fächer von Bedeutungen“. Was Sax über das Heranwachsen von Mädchen und Jungen zu sagen hat, macht jedenfalls eine Menge Sinn und regt sehr zum Nachdenken an..

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Links zum Artikel

> Rezension "Boys Adrift, (Jungen im Abseits)"

> Dr. Sax’s website