Bundespräsident Köhler: Erschreckende Lücken bei Geschichtskenntnissen vieler Schüler
Bei seiner Eröffnungsrede „Ungleichheit: Wieviel brauchen wir? Wieviel vertragen wir?“ auf dem 47. Deutschen Historikertag in Dresden nahm Bundespräsident Horst Köhler am 30. September erneut die Bildungssituation in der Bundesrepublik zum Anlass, gezielte Forderungen an die Bildungspolitik zu stellen. Dabei beklagte er die mangelnden Geschichtskenntnisse vieler Schüler ebenso wie die Ungleichheit der Chancen vieler junger Migranten auf dem Arbeitsmarkt.
von Horst Hennert
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Beunruhigender Mangel an Wissen über die jüngste deutsche Geschichte
Die Lücken in der historischen Bildung vor allem junger Menschen mache sie unfähig zu einer sachgerechten Beurteilung der Gegenwart und erschwere ihre staatsbürgerliche politische Orientierung. Köhler sagte wörtlich: "Wenn etwa bei einer Umfrage in einem ostdeutschen Bundesland nur jeder dritte 17jährige weiß, dass es die DDR war, die die Mauer errichtet hat, und wenn ein Drittel der befragten Schüler Willy Brandt und Konrad Adenauer für DDR-Politiker halten, dann ist das mehr als nur eine bedauerliche Bildungslücke. Demokratisches Bewusstsein setzt Wissen voraus - über die Geschichte unseres Landes, über die beiden Diktaturen, die es auf seinem Boden gab, und über seine demokratischen Traditionen, die weit vor die Jahre der NS-Diktatur zurückreichen und auf die wir stolz sein können - das Wissen um diese demokratischen Wurzeln vorausgesetzt. Wo dieses Wissen fehlt, da haben Extremisten von links und rechts leichtes Spiel. Auch um das zu verhindern, ist guter Geschichtsunterricht unverzichtbar."
Ungleichheit der Bildungschancen
Weiterhin sei nach Meinung des Bundespräsidenten noch lange keine Gleichheit in den Bildungschancen in Deutschland erreicht. "Bildung befähigt den Einzelnen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie vermittelt Wissen und Fähigkeiten - und sie hilft, sich im eigenen Leben und in der Welt besser zurechtzufinden. Deshalb ist gute Bildung unendlich wichtig - für jeden Einzelnen von uns und für unsere Gesellschaft insgesamt. Und deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass die Zugangschancen zu guter Bildung in unserem Land ungleich verteilt sind und dass die schulische Entwicklung eines Kindes immer noch maßgeblich - und in jüngster Zeit sogar mit steigender Tendenz - von seiner Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern bestimmt wird", erklärte Köhler.
Zugang zum Arbeitsmarkt für viele Schüler schwierig
Der Einstieg in den Arbeitsmarkt gelinge immer noch einer zu großen Zahl von Schülern nicht, vor allem solchen, die aus Familien mit Migrationshintergrund kommen. So wies Horst Köhler darauf hin: "Nach Erhebungen verfügt jeder fünfte 15jährige nicht über die erforderlichen Fähigkeiten, um erfolgreich eine Ausbildung absolvieren zu können. Knapp 8 Prozent aller Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. Unter jungen Migranten ist der Anteil sogar mehr doppelt so hoch (18%). Der Weg in die Arbeitswelt und ins Erwachsenenleben beginnt für diese jungen Menschen mit denkbar ungünstigen Startvoraussetzungen. Ihnen droht das Risiko, zu den "Ausgeschlossenen von morgen" zu gehören. Das wissen wir schon heute. Und heute haben wir es durchaus in der Hand, dagegen etwas zu tun."
Auch die Lage an den Universitäten hat sich verschlechtert
Der Vorsitzende des Historikerverbandes, Peter Funke, wies auf die sich verschlechternde Grundausstattung an Universitäten hin und gab seiner Besorgnis Ausdruck, "dass die großen Geldflüsse fehlgeleitet werden." Auch gefährde die Umstellung auf den Bachelor-Abschluss den Historiker-Nachwuchs. Gebe es keine Verbesserung der Betreuungssituation an den Hochschulen, bleibe die Lage katastrophal.
Zum größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas unter dem Titel "Ungleichheiten" werden bis Freitag, den 3. Oktober rund 3000 Teilnehmer erwartet, wie bildungsklick.de meldet.
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Link
> Die Rede des Bundespräsidenten „Ungleichheit: Wieviel brauchen wir? Wieviel vertragen wir?“
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