Gerechtigkeit gegen Gender-Gerechtigkeit
Unter den Arbeitshilfen, welche die Bundesregierung auf ihrer Seite zur Verwirklichung des Gender Mainstreaming angibt, findet man auch die 3-R-Methode, aus Schweden importiert. Diese soll auch im Schulunterricht Verwendung finden, wie auf "lehrer-online" nachzulesen ist. Zielsetzung ist, die Gender-Gerechtigkeit in der Schule zu verwirklichen. Wie werden wohl Lehrer diese Methode in der Schule umsetzen? Und was wird hier unter Gerechtigkeit verstanden?
von Horst Hennert
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Geschlechter gerechter Unterricht
Unter der Überschrift „Wie soll, wie kann der Gender-Blick verändern?“ sollen die Lehrer „Rollenstereotype verlassen“. Was das bedeutet, wird folgendermaßen erklärt: „Der Themenschwerpunkt "Geschlechter gerechter Unterricht" möchte darauf hinwirken, die geschlechtsspezifischen Zuweisungen in der Schule, die Verknüpfung von Geschlecht, Unterrichtsfächern, -methoden und -inhalten zu thematisieren. Denn unsere tradierten Rollenstereotype wurden im sozialen und kulturellen Kontext erlernt und sind damit - anders als das biologische Geschlecht - auch veränderbar.“
Um Geschlechter-Gerechtigkeit in der Schule zu verwirklichen, müssen wir also „unsere tradierten Rollenstereotypen“ verlassen. Dass wir sie alle haben, dass sie falsch sind, darf nicht hinterfragt werden, es wird als allgemein akzeptierte Erkenntnis vorausgesetzt und es soll nur reflektiert werden, wie wir zu einer größeren Geschlechtersensibilität und schließlich zum Gender-Blick gelangen können: „Für den Weg zu mehr Gendergerechtigkeit setzt der europäische Vorreiter Schweden die "3-R-Methode" ein.“
3-R-Methode
Wie befreit uns diese Methode aus der Ungerechtigkeit, in der alle –also auch die Lehrer– gefangen sind?
„Die 3-R´s der Methode aus Schweden, Repräsentation, Ressourcen und Realität, werden im Folgenden beschrieben. Die zentralen Fragestellungen dieser 3-R´s und wie man die Chancengleichheit unter Gender-Aspekten messen kann, bzw. wie sie diskutiert wird, stehen im Vordergrund.“
Die schwedische Methode verspricht sogar, die „Chancengleichheit unter Gender-Aspekten“ messen zu können, wobei nicht verraten wird, um welche Maßeinheit es sich dabei handelt. Wir kommen zum ersten der drei R:
Repräsentation
„Die Frage nach der Repräsentation stellt sich im Rahmen der 3-R-Methode rein quantitativ und für die Unterrichtsinhalte zum Beispiel wie folgt:
- Wie groß ist der Anteil von Frauen und Männern, von Jungen und Mädchen?
- Wie oft sind die handelnden, führenden oder entscheidenden Personen männlichen oder weiblichen Geschlechts?
- Wie oft werden Männer und Frauen zitiert, abgebildet, angeführt?
- Wie oft verwenden Lehrmaterialien Beispiele aus tradierten "weiblichen" bzw. "männlichen" Lebenszusammenhängen und wie oft gegenteilige?
- Wie oft werden in sprachlicher Hinsicht Sachverhalte sachlich richtig, also differenziert und geschlechtergerecht beschrieben?“
Die Schüler werden also aufgefordert abzuzählen, wie oft Frauen und Männer genannt, abgebildet, erwähnt etc. werden. Außerdem sollen die Lehrmaterialien nach „tradierten ´weiblichen´ bzw. ´männlichen´ Lebenszusammenhängen“ untersucht werden, wobei man gerne wissen möchte, was dann die „gegenteiligen“ sind. Beim letzten Untersuchungspunkt werden nur solche Sachverhalte noch als „sachlich richtig“ bezeichnet, die „geschlechtergerecht beschrieben“ werden.
Stellen wir uns einen Moment vor, wie das in der Unterrichtspraxis aussieht: Die Unterrichtsmaterialien, die zumeist aus Texten oder bildlichen Darstellungen bestehen, werden jetzt nicht mehr nach ihrem Sinngehalt, ihrer Bedeutung, was sie uns zu sagen haben, interpretiert, sondern es wird gezählt, ob mehr Frauen oder Männer „zitiert, abgebildet, angeführt“ werden. Und, so muss man ja wohl aus dieser Methode schließen, Gerechtigkeit ist dann erzielt, wenn beide Geschlechter gleich häufig vertreten sind.
Gerecht wäre demnach, wenn nach Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“ Leonardo da Vincis „Mona Lisa“, wenn nach einer Geschichte mit Räubern eine Geschichte mit Räuberinnen durchgesprochen würde. Doch folgen wir der Methode zum nächsten Schritt:
Ressourcen
„Auch die Frage nach den Ressourcen stellt sich quantitativ und für die Unterrichtsinhalte zum Beispiel wie folgt:
- Wie werden die verschiedenen Ressourcen zwischen Mädchen und Frauen bzw. Jungen und Männern verteilt?
- Wie viel Platz, Raum oder Zeit nimmt die Darstellung der Personen männlichen und weiblichen Geschlechts ein?
- In welchem Umfang fließen Haushaltsmittel in geschlechtsspezifische Interessensbereiche?
- In welchem Umfang werden zum Beispiel geschlechtsspezifisch bevorzugte Sportarten gefördert?
- In welchem Umfang werden geschlechtsspezifische Aspekte der medizinischen Forschung gefördert?“
Mit „Ressourcen“ scheinen hier Geld, Güter, aber auch Ansehen etc. gemeint zu sein, die nun die Schüler untersuchen sollen, und zwar, ob sie unter den Geschlechtern gerecht verteilt sind. Wenn es schon den Schülern schwer fallen dürfte, die Ressourcenverteilung zwischen Männern und Frauen und die „Darstellung der Personen“ nach „Platz, Raum oder Zeit“ (wo, wird nicht gesagt) zu bemessen, so sind die Schüler bei den folgenden Fragen völlig überfordert, bzw. auf die Vorgaben des Lehrers angewiesen. Der Lehrer muss also Beispiele bringen, in denen Haushaltsmittel, Sportart- oder medizinische Förderung nicht zu gleichen Teilen auf Männer und Frauen verteilt werden.
Dass es gerechte Gründe geben könnte, die vorhandenen Ressourcen nach anderen als nach Gender-Gesichtspunkten zu verteilen, wird nicht in Betracht gezogen. Darf nur Geld für die Erdbebenopfer in Haiti ausgegeben werden, wenn die Schüler überprüft haben, ob es zu gleichen Teilen Männer wie Frauen erreicht, oder sollte doch die größere Bedürftigkeit der Maßstab sein? Darf nur Geld in die medizinische Forschung zur Bekämpfung des Mamma-Karzinoms investiert werden, wenn mit derselben Summe die Bekämpfung des Hodenkrebses gefördert wird? Dürfen wir nur eine (männliche) Eishockey-Weltmeisterschaft austragen, wenn gleichzeitig die Frauen-Turn-Weltmeisterschaft nach Deutschland geholt und gefördert wird?
Wir müssen die Schüler jetzt zum 3. Schritt der schwedischen Methode führen:
Realität
„Die Frage nach der Realität stellt sich qualitativ und für die Unterrichtsinhalte zum Beispiel wie folgt:
- Warum ist die Situation so wie sie ist?
- Warum werden Männer und Frauen in Tageszeitungen, Geschichtsbüchern etc. nicht gleich häufig zitiert, abgebildet und angeführt?
- Warum sind Mädchen und Jungen, Frauen und Männer in Gremien ungleich vertreten?
- Warum entscheiden sich Mädchen und Jungen für unterschiedliche Berufe?“
Dieser dritte Schritt führt uns also in die Realität, „so wie sie ist“ und wie sie ist, wird vorgegeben, nämlich ungerecht, so dass man den Schülern die ersten beiden Schritte hätte ersparen können. Die Ungleichbehandlung (es geht weiterhin nur um numerische Gleichheit, qualitativ wird nichts bewertet) wird als gegeben vorausgesetzt. Konsequenz daraus: um Gerechtigkeit herzustellen, müssen Männer und Frauen „in Tageszeitungen, Geschichtsbüchern etc.... gleich häufig zitiert, abgebildet und angeführt“ und „in Gremien“ gleich „vertreten“ sein. Wo das nicht der Fall ist, wird Unzufriedenheit und Neid geweckt, wenn nicht der Frage nachgegangen wird, ob es für eine numerisch nicht gleiche Verteilung berechtigte Gründe gibt.
Wenn als Fazit genannt wird: „Die Fragestellungen der drei R´s (Repräsentation, Ressourcen, Realität) sollten auch für die Unterrichtsvorbereitung und im Unterricht Berücksichtigung finden“, kann man nur hoffen, dass nur wenige Lehrer vereinfachend ideologisch ihren Schülern Gerechtigkeit als eine ausschließlich quantitative Größe vermitteln. Sie sollen doch die Schüler zum Denken bringen, zu der Erkenntnis, dass Gerechtigkeit nicht heißt, jedem das Gleiche, sondern jedem das Seine zukommen zu lassen.
Manchmal ist das Seine bei verschiedenen Personen auch das Gleiche: dass sie für die gleiche Arbeitsleistung denselben Lohn erhalten, dass alle Menschen gleich geachtet werden, dass alle die gleichen Chancen bekommen. Aber nicht alle sind gleich intelligent, gleich begabt, an denselben Dingen interessiert etc. Daher wird man dem einzelnen auch nur gerecht, wenn man diese Gegebenheiten mit berücksichtigt: Wer nicht singen möchte, den sollte man nicht nach dem „Gleichheitsprinzip“ in einen Chor zwingen, wer nicht sportlich ist, den sollte man nicht für Olympia trainieren lassen, wer nicht in einem Gremium arbeiten möchte, den sollte man nicht dazu zwingen. Vielleicht müssen wir wieder von der Gerechtigkeit der Mütter lernen, die ihre Kinder, die sie in deren Verschiedenheit gut kennen, verschieden behandeln und ihnen auf diese Weise gerecht werden.
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Links zum Thema
> Bundesregierung auf ihrer Seite zur Verwirklichung des Gender Mainstreaming
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