Einige Gedanken zur Ganztagsbetreuung von Kindern
In der heutigen Gesellschaft, in der die Geburtenrate rückläufig ist, macht man sich Gedanken darüber, wie junge Menschen dazu zu bewegen sind, mehr Kinder zu bekommen – und wie man die Erziehung der vorhandenen Kinder unterstützen und optimieren kann. Dass da einiges im Argen liegt, ist sichtbar. Es wird viel darüber diskutiert und geschrieben.
von Almut Rosebrock
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Kompetenz von Eltern versus Betreuungspersonal
Der „Goldstandard“, der dann sofort im Raum steht, sind Kitas (Kindertagesstätten) und Ganztagsschulen. Diese Möglichkeiten der außerhäuslichen Kinderbetreuung werden momentan von Bund und Land sehr gefördert.
Die Kinderbetreuung in der Familie scheint zu schwächeln – auch aufgrund der Notwendigkeit, dass es finanziell teilweise nötig ist, dass beide Elternteile arbeiten. Zunehmend wird dieses als die Norm dargestellt. Das geschieht möglicherweise mit aus dem Grund, weil die Wirtschaft qualifizierte Arbeitskräfte benötigt und diese auch unter Frauen mit Kindern zu finden sind. Zusätzlich spielt das Stichwort „Selbstverwirklichung“ eine Rolle – diese ist im Beruf anders zu realisieren als in der Familie.
Leben in der KiTa
Das Personal in den Kindertageseinrichtungen soll also die fehlende Erziehungszeit und (möglicherweise) –kompetenz der Eltern „auffüllen“. Die Kinder befinden sich dort in Gruppen von 20 – 25 Kindern, essen, erledigen ihre Hausaufgaben, haben Kursangebote und spielen miteinander.
Der Rahmen dafür wird von der entsprechenden Einrichtung mit ihren Mitarbeitern vorgegeben, die Spiel- und Bastelangebote, Spielgeräte für drinnen und draußen und Rückzugsmöglichkeiten vorhalten. Sie sind auch verantwortlich für die Gestaltung des Kurs- und AG-Angebots.
Kinder lernen in großem Umfang von anderen Kindern, durch Nachahmen und gemeinsames Entwickeln, Arbeiten und Spielen. Dieses erleichtern die Ganztagseinrichtungen in gewissem Maße. Kinder, besonders Einzelkinder, profitieren von der Möglichkeit, hier, ohne dass die Mutter „etwas verabreden“ muss, Gemeinschaft mit anderen Kindern zu erleben.
Das gilt auch für Kinder, deren Eltern real durch ihre Berufstätigkeit so gefordert sind, dass die Kapazität für die Kinder nicht da ist und für Kinder, deren Eltern ihnen aus verschiedensten Gründen kein harmonisches, anregungsreiches Zuhause bieten können.
Die Nachteile
Die teilnehmenden Kinder an diesen Angeboten rekrutieren sich allein aus der betreffenden Schule oder dem Kindergarten. So besucht möglicherweise die beste Freundin eines Kindes eine andere Schule. Oder das Kind hat Freunde, Nachbarskinder, die nicht den Ganztag besuchen. Die Möglichkeit zu Verabredungen, Spielzeit mit diesen ist nun deutlich knapper, denn nach dem langen Schulaufenthalt ist auch mal Ruhe angesagt.
Auch für besondere Hobbies, beispielsweise Sport, Musik, eine Jugendgruppe, steht mit „Ganztag“ deutlich weniger Zeit und Kapazität zur Verfügung.
Möglicherweise mag das Kind dann zum Beispiel am Ballett, das es jahrelang mit Freude besuchte, nicht mehr teilnehmen, weil es ihm zu viel wird.
Die Schule, die Einrichtung gibt den Rahmen vor, in dem das Kind wochentäglich bis 15 oder 16 Uhr sich aufhält (aufhalten muss, denn die Landesregierung bezuschusst den Ganztag nur bei täglichem Besuch der Einrichtung, auch wenn das Modell eigentlich „offen“ heißt (OGS = Offene Ganztags-Schule)).
Ein Kind, das im schulischen Rahmen Probleme hat, beispielsweise Mobbing, Ausgrenzung, Misserfolge erlebt, oder eines, das mehr Ruhe braucht und sich in einer Gruppe nicht so wohlfühlt, hat hier schlechte Karten. Es hat, wenn es von den Eltern zum Ganztag angemeldet ist, nicht die Möglichkeit, dem zu entfliehen. Die Anmeldung ist bindend für ein Schuljahr.
Im Rahmen eines Sportvereins, bei Musikunterricht oder einfach nur zu Hause in der Familie findet es (hoffentlich!) Annahme und Zuspruch, erlebt Geborgenheit. Eltern kennen ihr Kind ganz tief und sind im Allgemeinen persönlich sehr um dessen Wohlergehen und Fortkommen besorgt.
Eine noch so qualifizierte Betreuungskraft, die für etwa 20 Kinder zuständig ist, kann das nicht leisten.
Die Unersetzlichkeit der Eltern
Die Art, wie man sein Leben gestaltet, ist individuell. Jeder und jede hat sein / ihr Leben nach persönlichen Vorlieben und Möglichkeiten einzurichten und zu gestalten (Grundgesetz!). Grundlegend gehört die Entscheidung dazu, ob man mit Kindern leben möchte oder nicht.
(Anmerkung: Manche Kinder entstehen ohne jede „Planung“. Man kann auch sie mit Liebe empfangen und ins Leben begleiten – Kinder sind ein Wunder und ein Geschenk.)
Als Eltern möchte man gerne das, was einem selbst wichtig ist, an die Kinder weitergeben, man möchte das Leben der eigenen Kinder positiv prägen. Darum haben Eltern ein hohes Qualitätsbewusstsein was zum Beispiel die Wahl der Schule, die Art der Freizeitbeschäftigung, Hobbies usw. angeht.
Es ist erwiesen, dass eine anregende Umgebung mit viel persönlicher Zuwendung, Spielangeboten, Anregungen zur freien Entfaltung und Kreativität, aber auch klar gesetzten Grenzen prägend für ein späteres Gelingen – oder auch Nicht-so-gut-Gelingen - des Lebens von Kindern ist.
Grundlage für das alles ist das Gefühl des Angenommenseins, der Liebe und Geborgenheit von Geburt an (oder sogar schon von der Zeugung), was von Anfang an und verlässlich nur die Familie, und hier zumeist grundlegend die Mutter vermitteln kann.
Dem sind Grenzen gesetzt durch äußere Bedingungen wie Trennung, Krankheit, Überforderung, eigene schlechte Kindheitserlebnisse im Hintergrund – und doch ist die Herkunftsfamilie und ihr prägender und auch ihr führender Einfluss in dieser so vielfältigen und verwirrenden Zeit von fundamentaler Bedeutung.
- Was davon kann eine Fremdbetreuung ersetzen?
- Bei aller Bemühung um beste pädagogische Konzepte
- was kann sie leisten – und wo sind die Grenzen?
- Kann es wirklich sein, dass man Erziehung und das gelingende Aufwachsen von Kindern nur dadurch fördern kann (und sollte), indem man möglichst lange außerhäusliche Betreuungs- und Bildungsprogramme für sie vorhält?
Die Familie, die Eltern stärken
Eltern sollten mehr erfahren, wissen und geschult werden über die Grundlagen gelingender Erziehung. Eltern sollten miteinander vernetzt werden, um im Gespräch miteinander feststellen zu können, dass nicht allein sie ein Problem haben, sondern dass es anderen genauso geht – und dass (und wie) man dieses Problem am besten bearbeiten, angehen kann.
Erziehung gelingt auf der Grundlage von klarer Kommunikation, Konsequenz im Handeln, Verlässlichkeit, Vermitteln von Liebe und Angenommensein. Das alles sind Schlüsselqualifikationen, die auch für das Gelingen des eigenen Lebens und der Beziehungen zu anderen Menschen (Partner, Verwandte, Kollegen, Nachbarn) hilfreich sind. Man könnte – und sollte vielleicht – diese Themen bereits in der Schule stärker behandeln.
Es gibt bereits zahlreiche Elterntrainings-Angebote, die gute Erfolge zeigen und sich täglich bewähren – auch und besonders im Umgang mit problematischen Kindern, die beispielsweise Hyperaktivität, ein Aufmerksamkeitsdefizit, eine Form des Autismus oder andere Entwicklungsauffälligkeiten zeigen.
Beispiele dafür sind Triple P, (Positive Parenting Programme - positive Elternschaft), PEP (Positives Erziehungsprogramm), „Starke Eltern – starke Kinder“ des Kinderschutzbundes, ECCM (Elterncolleg Christa Meves) und viele andere mehr.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Arbeiten und Aufgaben in der Gesellschaft gibt es für die Erziehung von Kindern keinerlei Ausbildung! Dabei ist das eine sehr verantwortungsvolle und wie wir wissen zukunftsprägende Aufgabe.
Eltern-Sein mehr anerkennen und fördern
Eltern, die sich dieser Aufgabe voll stellen, die für die Kinder zeitweise oder ganz den Beruf, die eigene Erwerbsarbeit zur Seite legen, bekommen für ihren Einsatz keine große Anerkennung.
Mütter, die früher mit großem Elan und Engagement Kinder, auch in großer Zahl, großgezogen haben zu aktiven und produktiven Gliedern der heutigen Gesellschaft, die mit Freude das gesellschaftliche Leben mitgestaltet und auch Kinder anderer Familien mit einbezogen und damit deren Eltern grundlegend geholfen haben, berichten mir heute leicht frustriert, dass sie nun mit geringsten Rentenbeträgen sehen müssen, wie sie über die Runden kommen. Sich der Kindererziehung zu widmen und zu stellen, wird nicht ausreichend anerkannt.
Mann / Frau erfährt wenig bis keine Unterstützung dabei (von Kindergeld, Freibeträgen, Familienmitversicherung, Ehegattensplitting als finanzielle Unterstützung abgesehen). Kinder sind Privatsache – aber später brauchen wir sie für unsere zukünftigen Renten.
Alleinerziehende Eltern sollen (neues Unterhaltsgesetz) schnellstmöglich in Erwerbsarbeit gedrängt werden, da sie sonst finanziell nicht überleben können (wenn sie nicht das Glück eines zahlenden Partners haben). Dass es aber bereits eine riesige Aufgabe ist, Kindern Vater und Mutter auf einmal zu sein, und für alles, einfach alles zuständig, verantwortlich zu sein, wird total verdrängt.
Zuschüsse, und die nicht ganz knapp, gibt es heute nur für Eltern, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen in Angeboten, die vom Land oder Staat als förderungswürdig angesehen werden. Mit dem neuen Schulgesetz in NRW besteht da so gut wie keine Wahlmöglichkeit mehr, da nur noch die schulische Ganztagsbetreuung gefördert wird.
Horte, offene Jugendhäuser, Angebote von Kirchengemeinden, differenzierte Angebote, aus deren Programm man nach Bedarf wählen kann, erfahren keine finanzielle Unterstützung mehr, mussten somit vielfach geschlossen werden!
Das ist eine Katastrophe für Eltern, für Familien, die ihr Leben und das ihrer Kinder in einer selbstbestimmten und kreativen Art und Weise gestalten und führen wollen. Für sie gibt es jetzt keinerlei Unterstützung mehr, mal abgesehen von der Regelschule, deren Angebot aber auch nicht überall die beste Qualität hat (s. großer Ansturm auf Privatschulen).
Der Staat, die derzeitige Familienpolitik betrachtet die Familien so pauschal, als wenn alle die gleichen Bedürfnisse hätten und es nur die von ihr gesehenen Ansätze der „Familienförderung“ gäbe. Kritische Anmerkungen dazu werden einfach nicht veröffentlicht, weggedrängt, mit Phrasen abgespeist (das habe ich oft genug erlebt!).
Dabei möchten zahlreiche Eltern die Verantwortung für ihre Kinder hauptsächlich selbst übernehmen. Sie fänden es schön und wünschenswert, mal differenziert gefragt zu werden, was sie persönlich sich als Unterstützung bei der Wahrnehmung dieser Aufgaben vorstellen können.
Aus diesen Antworten könnte man dann die Meistgenannten herausfiltern – und versuchen, daraus eine echte, vielfältige Unterstützungsstruktur für Familien aufzubauen, die sich an deren echten Bedürfnissen orientiert. Das würde die derzeitige „Familienpolitik“ bereichern, differenzieren – und für Familien zur wirklichen Hilfe und Unterstützung gereichen lassen.
Vielleicht stiegen dadurch auch wieder Freude und Lust am Familienleben – und am Kinderkriegen... .
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Frau Rosebrock ist Apothekerin und hat 2 Kinder (7 und 9 Jahre)
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