Liberalismus und Hochschulbildung

Liberalismus und Hochschulbildung

Wir wollen alle frei, gleich und unabhängig sein. Aber was bedeutet es eigentlich, frei zu sein? - Vor ein paar Wochen hielt ich meine letzte Vorlesung in einem Kurs, der sich mit „Problemen der Moral in heutiger Zeit“ beschäftigte. Über einen Zeitraum von 16 Wochen hatten wir uns mit einem breiten Themenspektrum auseinander gesetzt: Wohlfahrt, Ziviler Ungehorsam, Rassismus, Sexismus, Förderung von Minderheiten, Fremdenfeindlichkeit, Pornographie, Migration und auch dem Standardprogramm bioethischer Fragen, wie Abtreibung, Euthanasie, Klonen u.s.w.

von Christopher O. Tollefsen ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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In meiner letzten Vorlesung habe ich nochmals Amy Gutmann zitiert, von der wir zu Anfang des Semesters einen Beitrag lasen. Sie merkt zum Thema Hochschulbildung Folgendes an: Hochschulbildung ist der Schlüssel zur modernen Demokratie und ebenso ein Bollwerk gegen ideologische Repression durch Staatsgewalt oder andere machtvolle politische Kräfte, die sich nur allzu häufig herausgefordert sehen, unpopuläre oder provokante Ideen zu unterdrücken.

Was heißt liberal?

Nachdem nun das ganze Spektrum der Themen durchdiskutiert war, bei denen man sich Möglichkeiten einer ideologischen Einflussnahme vorstellen konnte, war ich ein wenig erheitert. Gutmanns Behauptung, insbesondere deren zweiter Teil, kam mir wie Selbstbeweihräucherung vor: Schaut einmal, wie tapfer wir Akademiker doch sind, indem wir unsere Studenten vor den Einflüssen politischer Kräfte beschützen, die sich unterstehen, ihre Gedankenwelt formen zu wollen. Darüber hinaus scheinen ihre Behauptungen nicht nur das Maß an ideologischer Übereinstimmung zu ignorieren, das die akademische Welt mit der westlichen freiheitlichen Demokratie verbindet, sondern auch die spezifischen Formen mangelnder Übereinstimmung, die unter dem allumfassenden Dach der Gemeinsamkeiten vorhanden sind, Widersprüche, die Akademiker nicht selten von vielen ihrer Mitbürger absondern. Solche Erscheinungen von Übereinstimmung und Trennendem haben in der Tat Auswirkungen auf die akademische Bildung, jedoch in weit geringerem Maße, als von Frau Gutmann impliziert. Was ist denn die gemeinsame Überzeugung, die alle Bürger, Akademiker, Studenten und das ganze Volk teilen? Es ist sicher –im weitesten Sinne- die Zustimmung zu den grundlegenden Ideen des Liberalismus. Es gibt wohl kaum einen Menschen im westlichen Kulturraum, der mit einem Liberalismus nichts anfangen kann, der eine menschliche Person als freies Wesen, also als Wesen, dem Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit zukommen, ansieht. Die Vorstellung, dass Unterdrückung und Ungleichheit wünschenswert seien, liegt absolut außerhalb westlich geprägter Wertvorstellungen.

Es gibt auch keine politische Macht in der westlichen Hemisphäre, die ernsthaft versuchen würde, die liberalen Ideale zu unterdrücken. Zwar gibt es hier zweifellos Bedrohungen, aber die kommen nicht von innen. Diese allgemeine Form der Zustimmung verdeckt jedoch offensichtlich spaltende Elemente, die die Inhalte der zentralen Forderungen des Liberalismus betreffen. Betrachten wir zunächst die Idee der Freiheit. Für viele liberale und konservative Personen mit religiöser Bindung, aber auch für Humanisten, ist das erste Verständnis von Freiheit, wiewohl nicht das Einzige, ein metaphysisches. Menschen habe prinzipiell die Fähigkeit, sich frei zu entscheiden, ihre Entscheidungen sind von natürlichen Kausalitäten unabhängig. Diese Fähigkeit, gepaart mit der „befreienden“ Fähigkeit, durch Überlegung zu Schlussfolgerungen zu gelangen, sehen viele als Argument, dem Menschen besondere Eigenschaften und Würde zuzuschreiben. Und diese Würde wiederum konstituiert viele Rechte und Verantwortlichkeiten des Menschen.

Das Freiheitsverständnis entscheided über das Menschenbild

Die metaphysischen Naturalisten unserer Zeit weisen jedoch ontologisch begründete Argumentationen zurück. Nach ihrer Auffassung unterscheiden wir uns kaum von den Tieren, eine Behauptung, die sowohl radikale Auswirkungen auf die Wertschätzung von Mensch und Tier hat, aber auch den Begriff von Würde verwässert, den einige Naturalisten als albern ansehen. Liberale streiten meist trefflich über die Metaphysik der Freiheit.

Gemeinsamkeiten sind wiederum im Bereich politischer Freiheit zu finden. Alle Liberalen, ob sie nun ein traditionelles Verständnis von Freiheit haben, oder eher einem naturalistischen Weltbild anhängen, sehen politische Freiheit als hohen Wert an, der in Institutionen des öffentlichen Lebens, ebenso wie im individuellen Leben eines jeden Bürgers höchsten Rang einnehmen sollte. Doch auch hier sucht man vergeblich nach Übereinstimmung: Was sind denn eigentlich die „Schlüsselfreiheiten“ freier Menschen? Wie sind diese Freiheiten zu definieren? Wie sind sie überhaupt in ihrer Beziehung zu anderen Werten und Verhaltensnormen zu gewichten? Sind Regierungen, Religion oder andere Autoritäten eher eine Bedrohung von Freiheit, oder sind sie in der Lage, eine positive oder gar notwendige Förderfunktion zur Erlangung politischer Freiheit zu spielen?

Diese Fragen führen uns zu einer noch tieferen Kontroverse, da der Liberalismus unserer Zeit mehr und mehr einem autonomistischen Freiheitsbegriff huldigt. Danach ist eine Aktion gerechtfertigt, wenn die Entscheidung dazu –moralisch oder politisch- frei und autonom gefasst wurde und nicht die Freiheitsrechte Anderer tangiert. Außenstehende Autoritäten und objektive Moralkriterien stellen Herausforderungen für einen solchen Freiheitsbegriff dar. Im Gegensatz dazu setzt die Überzeugung, dass Freiheit nur in der Wahrheit erreichbar ist, das Festhalten an moralisch begründeter Wahrheit als Bedingung von Freiheit, die sich lohnt, voraus.

Praktische Konsequenzen aus verschiedenen Freiheitsbegriffen

Solche Kontroversen werden überdeutlich in Fällen sexueller oder reproduktiver Freizügigkeit. Diskussionen über die Liebe von Mann und Frau und über Sex lediglich als Mittel der Befriedigung reflektieren Diskussionen über die metaphysischen Aspekte der Freiheit; Streit über den Wert der Familie zur Sicherung wichtiger Freiheitsaspekte spiegeln den 2. Fragenkomplex, während die Diskussionen um „Reproduktionsfreiheit“ als Wert an sich, oder als den objektiven Normen ehelicher Liebe und Zeugung untergeordnet, dem 3. Komplex entspricht.
Alle drei Diskussionsfelder sind ineinander verwoben, deshalb kann ich in dieser kurzen Studie leider nicht näher darauf eingehen, doch spiegeln sie sich auch wider in Kontroversen über die Werte von Gleichheit und Unabhängigkeit. Viele Zeitgenossen, die annehmen, dass die Kernidee der Freiheit in der Metaphysik gründet, glauben ebenso, dass die Gleichheit, die der Liberalismus postuliert, die Gleichheit aller Menschen sei. Die Gesellschaften haben jedoch nicht immer verstanden, wie groß der Kreis der Gleichheit gezogen werden muss, und es ist durchaus ein Erfolg des Liberalismus, dass dieser Kreis vielfach erweitert wurde, um Menschen mit einzuschließen, die willkürlich ausgeschlossen waren.

Der Liberalismus hat jedoch auch unter Berufung auf seine Grundüberzeugung zugelassen, dass Embryonen und Föten die grundlegenden Lebensrechte entzogen werden. Eine andere Gruppe von Zeitgenossen, die man auch in einem weiten Sinn als „Liberale“ bezeichnen kann, unterscheiden Menschen nach „Personen“ und solchen, denen sie das Person-Sein aberkennen. Meine Studenten im Fach Zeitgenössische Moral-Probleme, lasen eine Studie des Philosophen Jeff McMahan, der eine zweigleisige Moral befürwortete, eine Moral für Personen (von einigen als Personismus bezeichnet), in der alle Personen gleich behandelt werden sollen und eine Moral für „Nicht- Personen“, menschliche Wesen, deren Fähigkeiten den Grad an Zuwendung bestimmen, der ihnen gebührt. Nach seiner Auffassung sind z.B. schwer kognitiv Behinderte keine Personen, artikulieren jedoch natürliche Bedürfnisse, ebenso, wie Tiere. McMahan kommt zu dem Schluss, dass „schwer zurückgebliebene menschliche Wesen, denen die Fähigkeiten, die Personen von Tieren unterscheiden, fehlen, nicht das Recht auf den moralischen Schutz von Personen beanspruchen können, eben auf Grund ihrer spezifischen Natur“.

Man kann ähnliche Behauptungen in neuerer Literatur über Patienten im Koma oder Wachkoma finden. So ist also auch die Gleichheit, ein Wert, den die Gesellschaft im Prinzip uneingeschränkt unterstützt, im Einzelfall durch radikal unterschiedliche Interpretationen mit ebenso unterschiedlichen moralischen Konsequenzen infrage stellt.

Kritiker des Liberalismus, wie Michael Sandel und Alasdair MacIntyre, werfen der liberalen Tradition vor, in unrealistischer und vielfach gefährlicher Weise die Unabhängigkeit des Menschen herauszustellen. Diese Vorwürfe überschneiden sich mit einigen, die hier bereits erwähnt wurden: Radikale Forderungen nach Unabhängigkeit können dazu verleiten, alle überkommenen moralischen Ansprüche zu negieren, von denen man selbst auch abhängt. Radikale Ansprüche können ebenso zu einer Ausstoßung von Menschen führen, die in besonderer Weise abhängig sind -die Ungeborenen, die Babys und die Schwerbehinderten-, da für sie ja das Gleichheitsprinzip nicht gilt.

Was die moralischen Verpflichtungen angeht, so führt die Überbetonung von Unabhängigkeit und Autonomie dazu, dass man keine Verpflichtungen mehr anerkennt, außer denen, die freiwillig akzeptiert werden. Das Bestehen auf Unabhängigkeit führt zu einer Gesellschaft, in der die sozialen Strukturen, die das menschliche Zusammenleben erst lebenswert machen, ausgehöhlt werden, Konkurrenz und Hedonismus Platz greifen und jeder allein sein Spiel spielt.

Zwischen Freiheit und Wahrheit

Und trotzdem sind wir alle liberal in mancher Hinsicht. Selbst die schärfsten Kritiker von Unabhängigkeit anerkennen den Wert für Kinder, durch Erziehung selbst zum Verständnis moralischer Wahrheiten und selbst zu einer kritischen Würdigung dessen, was sie gelernt haben, zu finden. Kein Kritiker des Liberalismus tritt für eine Lebensgestaltung ein, die persönliche Entscheidungen Stellvertretern überlässt.

Auch ist allgemein akzeptiert, dass Menschen, die ständig auf Hilfe angewiesen sind, nichtsdestoweniger immer wieder ermutigt werden sollen, das, was sie selbst tun können, auch zu tun. Zustimmung und Ablehnung prägen auch hier die intellektuelle und kulturelle Landschaft des Liberalismus.

Wenn man nun Gutmann’s pädagogisches Bollwerk gegen ideologische Repression als Brandmauer zwischen den Verteidigern des Liberalismus und seiner Kernwerte Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit und den repressiven Kräften außerhalb der Hochschule, aber innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft ansieht, dann schützt sie nur gegen einen imaginären Feind und überzeugt allenfalls vordergründig.

Vielleicht war es aber gar nicht Gutmann’s Intention, den Liberalismus innerhalb der Hochschule gegen die dunklen Mächte draußen zu verteidigen, sondern eher eine spezifische Interpretation von Liberalismus. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, dass die meisten Studien, die meine Studenten lesen, und die Positionen, die die Professoren hier und an anderen Institutionen einnehmen, sich auf ein Verständnis von Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit beziehen, das, mehr oder weniger präzise, naturalistisch, politisch, individualistisch und personistisch formuliert ist. Könnte es wohl das pädagogische Ziel sein, diese Form des Liberalismus gegen konkurrierende Interpretationen in Schutz zu nehmen, indem man diese vielleicht sogar als unliberal und repressiv brandmarkt?

Es ist mir hier nicht möglich, eine andere Sicht ausreichend zu begründen. Deshalb möchte ich eine solche einfach vorstellen:

Eine wichtige Aufgabe der Hochschulbildung ist die, Studenten anzuregen und sie auf intelligente und faire Art und Weise mit den Kontroversen innerhalb des Liberalismus, die hier aufgezeigt wurden, zu befassen, und in den daraus folgenden Diskussionen über Moral und Politik, die aus den offensichtlichen Widersprüchen entstehen, zu begleiten. Eine solche Einführung würde Studenten befähigen, sich selbst und ihr soziales Umfeld besser zu verstehen aber auch intelligent und kritisch zu Kontroversen und Krisen Stellung zu nehmen, wie z.B. Embryonenforschung und Abtreibung, Euthanasie und Beihilfe zum Suizid, die Natur der Ehe, sowie Migration und Gesundheitsreform. Solche Diskussionen sind zugegebenermaßen sehr kontrovers, doch stellen sie sicher, dass sich die Akademiker nicht als herausgehobene Gruppe sehen, die mit den Leuten auf der Strasse keine fundamentalen liberalen Werte gemeinsam haben, sondern als Teilnehmer der sich immer weiter fortentwickelnden Diskussion. Studenten in die Kontroversen innerhalb des Liberalismus einzuführen, ist wohl eine bescheidenere Aufgabe, als die von Frau Gutmann, aber sie ist keinesfalls einfach oder bedeutungslos.

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Christopher O. Tollefsen ist Professor der Philosophie an der University of South Carolina und Senior fellow des Witherspoon Institute. Sein letztes Buch, Co-Autor Robert P. George, ist Embryo: A Defense of Human Life (Doubleday, 2008).