Familie – investieren in die Zukunft
Familienpolitik, vor einigen Jahren noch abgetan als „Gedöns“, ist heute Thema. Befragungen zeigen, daß das den Menschen mit Abstand Heiligste die Familie ist. Die Allermeisten wollen Familie, aber nur eben nicht gleich, erst wenn der Familienwohlstand aufgebaut ist. Ehe und Elternschaft konkurrieren mit der Angebots- und Anforderungsinflation der Wohlstands- und Wachstumsgesellschaft.
von Susanne Tiemann
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Die Ehe als Institution wird gesellschaftlich und rechtlich geschwächt, das Zusammenbleiben unsicherer. Mit nur einem Durchschnittseinkommen kommt eine Familie mit Kindern schlecht aus. Jedes 4. Kind unter 15 Jahren lebt in Deutschland in Armut - eine Tatsache, für die sich eine so wirtschaftsstarke Nation nur schämen kann. Warum müssen ausgerechnet Eltern Angst haben, ob sie es mit dem Natürlichsten der Welt, nämlich mit ihren Kindern, wirtschaftlich schaffen? Wenn wir den besonderen Schutz der staatlichen Gemeinschaft für Ehe und Familie unserer Verfassung nur einigermaßen ernst nehmen, dürfte uns diese Entwicklung nicht ruhig schlafen lassen. Die jüngste Erhöhung des Kindergeldes deckt nicht einmal die Preissteigerungen der letzten Jahre ab.
Leistungen an die Familien sind Investitionen in die Zukunft. Kinder sind morgen nicht nur die Arbeitskräfte und Beitragszahler in der Sozialversicherung. Sie werden unsere Gesellschaft prägen. Ihre körperliche und geistige Entwicklung wird in der Familie gefördert, hier werden sie gebildet und zu Bildung hingeführt. Hier lernen sie soziales Verhalten, Liebe und Zuneigung, Verlässlichkeit und Verantwortung. Nur wenn all dies in der Familie eingeübt wird, werden Gesellschaft und Staat auf eigenverantwortliche und sozial bewusste Menschen treffen. Der Staat muß die Rahmenbedingungen schaffen, damit die Eltern dieser natürlichen Pflicht nachkommen können. Dabei muss er sie, wenn sie es allein nicht schaffen, aktiv unterstützen. Ihnen Entscheidungen aus der Hand nehmen darf nur allerletztes Mittel sein.
Deshalb entscheiden auch allein die Eltern, ob sie sich Kindern und Erwerbstätigkeit gleichzeitig widmen oder einer der Elternteile sich auf die Erziehung konzentriert. Es hängt von ihren Orientierungen, nicht zuletzt auch von ihren physischen und psychischen Kräften ab. Der Staat darf die Wahl den Eltern weder abnehmen noch sie in eine bestimmte Richtung drängen wollen. Beim Angebot geeigneter, personell qualifizierter und zeitlich wie örtlich an die Familienbedürfnisse angepasster Betreuungsmöglichkeiten hat Deutschland Nachholbedarf. Ebenso müssen aber Eltern gefördert werden, die sich gegen gleichzeitige Familien- und Erwerbstätigkeit entscheiden.
Gewiss gibt es Fälle von Vernachlässigung und Verwahrlosung, Misshandlung, gar Tötung von Kindern. Davor dürfen wir die Augen nicht verschließen. Steht ein Kindeswohl in Frage, muß der Staat mit seinem verfassungsrechtlichen Wächteramt einschreiten. Doch ein Pauschalverdacht ist unzulässig. Die allermeisten Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe mit bestem Willen wahr. Ihre Erziehungsleistung kann nicht hoch genug geschätzt werden. Zudem ist erwiesen, daß die frühkindlich sichere Bindung an die Eltern unbedingt notwendig ist, damit Kinder Mut, Zivilcourage, Vertrauen und die Fähigkeit zu lieben entwickeln können.
Dennoch nimmt der wirtschaftliche Druck zur Abgabe der Kinder in außerfamiliäre Erziehung zu, schon ab dem 1. Lebensjahr. Es ist ein gesellschaftlicher Stimmungstrend – und politisch gewollt. In Institutionen außerhalb der Familie werden die Inhalte frühkindlicher Erziehung kaum ausreichend mit den Eltern abgestimmt. Ihre Einwirkungsmöglichkeiten nehmen ab, das staatliche Interventionsverhalten zu. Eltern ziehen sich zunehmend selbst aus ihrer Verantwortung zurück. Die verfassungsrechtlich fundierten Verantwortungszuweisungen an Familie und Staat verschieben sich. Kindheitsforscher konstatieren eine verbreitete Unsicherheit von Eltern in Erziehungsfragen.
Erwerbstätigkeit beider Eltern und außerfamiliale Erziehung: So einfach lassen sich die Probleme unserer Familien aber nicht lösen. Der Staat soll die Eltern nicht drängen, ihre Kinder abzugeben, sondern sie bei ihrer Erziehungsaufgabe wirksam unterstützen. Neben ausreichenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen soll er bei Bedarf Familien die Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, das tägliche Leben mit ihren Kindern zu meistern. Dies aber nicht erst, wenn eine problematische Situation eingetreten ist. Aktuelle Modelle, die Familien möglichst früh erreichen, um ihnen von vornherein, möglichst schon beginnend in der Schwangerschaft, Beratung über Pflege der Kinder, Entwicklung von Zuwendungsfähigkeit, Vorsorgeuntersuchungen, Erziehungsberatung anbieten, gibt es. Es geht um tragende Netze für Familien. Die unterschiedlichen Angebote wie Kindertagesstätten, Familienbildungsstätten, Beratungsstellen, Eltern-Kind-Gruppen, Schulen, Kirchengemeinden und Caritas können stärker miteinander verbunden und gezielt auf die Bedürfnisse und Wünsche der Familien abgestimmt werden.
Entscheiden sich Eltern für die Fremdbetreuung ihrer Kinder, dann müssen sie einen Ort ganzheitlicher, auch werte- und glaubensbezogener Bildung vorfinden. Erziehung und Bildung der Kleinkinder müssen in enger Abstimmung mit den Eltern erfolgen, denn die Kindertagesstätte ersetzt nicht, sondern ergänzt und unterstützt die Eltern. Und Schulen kommt die wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe zu, gerade Kinder aus Problemfamilien besonders zu fördern.
Wo der Staat bei konkreten Anzeichen der Verwahrlosung tatsächlich gefordert ist, kommen repressive Maßnahmen eigentlich zu spät. Ein Frühwarnsystem sollte möglichen Gefährdungen zuvorkommen. Hierher gehören vertrauenfördernde „Babybegrüßungspakete“, Anreize zu Vorsorgeuntersuchungen sowie aktuelle Modelle eines Melde-, Einladungs- und Kontrollsystems. Noch wichtiger ist die Aufmerksamkeit des Umfelds. Mancher Verwandte oder Nachbar schaute selbst einfach weg, um sich dann umso lauter über das Versagen des Jugendamtes aufzuregen.
Bleibt der berechtigte Ruf nach einer familienbewussteren Arbeitswelt mit Betriebskindergärten, Teilzeitarbeit, gleitenden Arbeitszeiten oder auch Telearbeit, und nach sonst kinderfreundlicher Umwelt. Hierzu kann der Staat beitragen. Auf „Singles“ zugeschnittene Kleinwohnungen mit Nachbarn, die sich über Kindergeschrei beschweren, Mangel an Kinderspielplätzen und Freizeitangeboten bestätigen das Wort von der „strukturellen Rücksichtslosigkeit“ unserer Gesellschaft gegenüber Familien. Immerhin zeigt der Familienatlas 2007, daß Regionen und Kommunen hier neue Anstrengungen unternehmen.
Familie dürfen nicht nur als Objekt finanzieller Förderung gelten. Familienpolitik ist nicht ein sozialpolitischer Handlungssektor unter vielen. Ziel muss eine familienzentrierte Gesellschaft sein: In der EU, in Bund, Land und Kommune. Eine Querschnittsaufgabe, die keine gesetzgeberischen Maßnahmen erlaubt, ohne daß nach den Auswirkungen auf Familien gefragt wird. Ein solches „Familien-mainstreaming“ ist überfällig. Vorfahrt für die Familie steht für den Weg in eine gute Zukunft.
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Prof. Dr. iur. Susanne Tiemann, verheiratet, 3 erwachsene Kinder. Rechtsanwältin und Hochschullehrerin, Prorektorin der Kath. Hochschule NRW. 1987-94 Mitgl., 1990-92 Vizepräsidentin, 1992-94 Präsidentin des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses, 1994-2002 Mitgl. d Dt. Bundestags. Beraterin der Deutschen Bischofskonferenz, Kommission XI.
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