Was geben wir den Kindern weiter? Und wie?

Was geben wir den Kindern weiter? Und wie?

Es geht um das Wohl der Kinder. Das behaupten alle. Landauf, landab wogen die Diskussionen, einerseits über die Familie und den besonderen staatlichen Schutz, den ihr das Grundgesetz verbrieft; andererseits über die Wege, auf denen unsere Gesellschaft die Eltern am besten dabei unterstützt, ihrem "natürlichen Recht" und der "zuvörderst ihnen obliegenden Pflicht" angemessen zu entsprechen, nämlich ihre Kinder zu pflegen und zu erziehen (Art. 6, Abs. 2 GG),

von Hans Thomas
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Der Trend geht dahin, die Kinder- und Kleinkinder-Betreuung staatlich zu organisieren. So entschlossen sogar, dass womöglich Eltern, die ihr natürliches Recht in Anspruch nehmen und ihrer verfassungsgemäßen Pflicht selbst nachkommen wollen, benachteiligt werden. Unsere Schulen sind ohnehin fast flächendeckend in staatlicher Hand.

Man muss kein Radikaler sein, um handfeste Widersprüche zu wittern zwischen dem, was die Mütter und Väter unserer Verfassung wollten und dem Trend der aktuellen Politik in Sachen Kindeswohl. De facto wird inzwischen den Eltern die Fähigkeit abgesprochen, dieses Wohl zu gewährleisten.

Gewiss sind Interessen der Wirtschaft und elterliches Verlangen nach außerhäuslicher Erwerbsarbeit starke Gründe für politische Versuchungen, sich des Kindeswohls zu bemächtigen. Dass der Staat Nöte und Probleme angeht, die es hier unbestritten gibt, ist nicht nur nicht falsch, sondern seine Pflicht. Dass er, der Staat, sie lösen soll statt den Eltern zu helfen, sie selbst zu lösen, das ist die eigentliche – und typisch deutsche – Versuchung für Politiker. Sie halten sich wohl lieber an den, allerdings missverstandenen Schlussatz des zitierten Art. 6, Abs. 2 GG, in dem es heißt: "Über ihre (der Eltern) Tätigkeit wacht die staatliche Gemeinschaft."

Erfahrung haben wir doch schon aus den Schulen. Im öffentlichen Schulwesen haben wir in Deutschland eine Staatsquote von 96 Prozent oder mehr. Wie die DDR in der Wirtschaft. Das hatte dort unter anderem die Folge, dass die Leute das Wirtschaften verlernten. Bei uns wird inzwischen immer mehr darüber geklagt, dass Eltern das Erziehen verlernen. Wird sich das ändern oder vielmehr verstärken, wenn staatliche Kitas, Horte und Kindergärten das Erziehen übernehmen? Warum setzt die Politik nicht auf Elterninitiativen und sonst freie Träger, die er dann dabei großzügig unterstützt?

Was die pädagogische Kreativität anbelangt, dürfte der private Wettbewerb nicht minder anregend wirken als in der Wirtschaft. Selbst wenn es politisch nicht korrekt ist, wird man doch zweifeln dürfen, ob die verfehlten Bildungsreformen der 1970er Jahre, die zur PISA-Misere geführt haben, in einem weniger monopolistischen System als den grundsätzlich staatlichen Schulen ihre Wirkung so flächendeckend durchgesetzt hätten.

Die wenigen privaten Schulen erfreuen sich heute wachsenden Zuspruchs. Unter privaten Schulen mit je nachdem verschiedenen Erziehungs- und Bildungskonzepten können Eltern wirklich wählen. Und sie können dort auch mehr mitreden. Dass private Schulen in Deutschland amtlich unter der Bezeichnung "Ersatzschulen" laufen, zeigt aber, dass auch sie im Kielwasser des Großtankers Staatliche Schule schwimmen sollen und sich möglichst anzupassen haben. Sie sind im Grunde politisch unerwünscht.

Eltern, die selbst Schulen für ihre und andere Kinder organisieren und dafür (trotz öffentlicher Teilförderung) die Mittel berappen, müssen gleichwohl die staatlichen Schulen auch noch mitfinanzieren – mit ihren Steuern. Wenn ihre Pläne nicht gleich politisch als unerwünscht durchkreuzt werden, wie kürzlich eine Elterninitiative mit dem Projekt einer dezidiert christlichen Jungenschule in Brandenburg, obwohl in den neuen Bundesländern gerade über die schulische Vernachlässigung der Jungen geklagt wird. Und ausgerechnet in der Stadt Potsdam, die sich als die Wiege der Toleranz feiert.

Bei uns Deutschen wundern sich ohnehin oft manche Ausländer, zumal Amerikaner, über unser ausgeprägtes Staatsvertrauen. In Erziehungsfragen mag es in historischer Erinnerung an preußische Zeiten, ohne ihnen nachzutrauern, noch nachvollziehbar sein. Der Staat stand für Disziplin, für eindeutige Staats- und Bürgerpflichten, die, kaum bestritten, auch als Erziehungsziele galten.

Wir heute sind stolz auf unsere Demokratie und den Pluralismus in der Gesellschaft, den sie voraussetzt. Diese Vielfalt der Weltsichten und Lebensauffassungen steht aber im Widerspruch zu einheitlichen, staatlich verordneten Erziehungszielen. Nicht zuletzt daher rührt auch der Streit darüber, was unter "Kindeswohl" zu verstehen ist. Der gesellschaftliche Pluralismus setzt deshalb um so mehr die Eltern in ihr "natürliches Recht" und die "zuvörderst ihnen obliegende Pflicht", auf denen die Mütter und Väter des Grundgesetzes unsere Demokratie gegründet wissen wollten.

Privatinitiativen im Erziehungs- und Bildungswesen ist in Deutschland ein Nischendasein beschieden. Ihnen sollte weit größere Aufmerksamkeit zuteil werden.

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(Quelle: Werte und Wandel, 15.9.2007, Nr. 53)