Erziehung zur Frau. Erziehung zum Mann. Anregungen aus der Philosophie. (4)

Erziehung zur Frau. Erziehung zum Mann. Anregungen aus der Philosophie. (4)

Gerade aber die angestrebte Autonomie kann sich auf den Irrweg der Selbstheilung begeben, oder die in Maßen erreichte Autonomie kann entgleisen in die Selbstanbetung (was auch eine gegenwärtige Versuchung darstellt). Um wirklich den Schritt auf sich selbst zuzugehen, wäre eine weitere menschliche Grundspannung, jene vom Ich zum Du wahrzunehmen. Dieses Du meint ein personales Gegenüber, das ein Antlitz, nicht selbst nur eine Maske oder eine Nummer trägt. Denn der Mensch ist immer schon ausgestreckte Hand auf einen anderen hin. Dieses dritte Spannungsfeld zeigt: Der Mensch baut sich auf von innen nach oben. "In jedem Menschen ist eine Stimme, die er nicht für das Echo der eigenen halten kann," sagte Joseph Bernhart.

von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
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Festvortrag zum Bundeskongreß der KED (Katholische Elternschaft Deutschlands), Augsburg, 9. März 2008 - (c) Copyright by the author
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Zu den anderen Teilen der Serie:

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Das Hören darauf ist ein Angelpunkt der Selbstfindung, freilich unter dem Charakter des Wagnisses. "Es ist von dem scheinbar paradoxen Sinngesetz getragen, daß der Mensch sich nur dann gewinnt, wenn er von sich selbst weg- und in das ihm Entgegentretende hinübergeht; sich aber verliert, sobald er bei sich bleibt und sich selbst festhält" (Romano Guardini). Der Atheismus kann dieses Heraustreten aus sich selbst bestenfalls als Struktur, nämlich als Dialektik buchstabieren; das Christentum spricht aber von Inhalt: von der wirklich lebendig machenden Begegnung mit dem Lebendigen. "Ich kann nicht sagen: die Brücke kann auf dem anderen Ufer aufruhen oder auch nicht, und doch immer Brücke bleiben. Das wäre ein Unsinn, denn nur darin ist sie Brücke, daß sie sich von diesem Ufer erhebt und auf dem drüben aufruht. So etwa ist zu verstehen, worum es sich hier handelt. Der Mensch ist Mensch nur in der Beziehung zu Gott. Das 'Von-Gott-Her' und 'Auf-Gott-Hin' begründet sein Wesen", so nochmals Guardini.

Das Bild der Brücke steht hier für den Menschen: Seit dem 19. Jahrhundert verzichten die "Vordenker" darauf, die ganze Brücke darzustellen. Aber werthafte und religiöse Fragen sind nicht ein Luxus der Erziehung, die ihnen lange ausgewichen ist, sondern gehören ihr von der Sache her zu. Schon aus dem Grund, weil Freiheit und Sich-Leiten-Lassen von einem groß gedachten, groß erfahrenen Wert zusammengehören. Genauer: Der heute geschätzte Begriff der Autonomie, der von der "männlichen" Aufklärung in die "weibliche" Diskussion übernommen wurde, müßte in den positiven Doppel-Begriff von Freiheit und Hingabe übergehen - für beide Geschlechter.

Nicht der Standpunkt, auf dem ich, die Ellenbogen angewinkelt, bewegungslos stehe, ist entscheidend, sondern die Bewegung, die aus mir aufsteigt und mich gleichzeitig über mich selbst hinaus öffnet (und deswegen auch verletzlich macht, wovor so große Scheu besteht). Freiheit kann nicht in einem einfachen Monolog mit mir selbst abgehandelt werden. In ihr liegen Heraustretenkönnen, Wagnis zur Mitteilung, ja mehr als Antwort: Überantwortung. Und was die daraus erwachsende (neue/alte) Verletzlichkeit angeht: Identität wird nicht in Selbstabschottung hergestellt, sie wird nur unabsichtlich eingeholt. Dies geschieht, wenn sie sich "verläßt" im schönen Doppelsinn der Wortes: sich aufgeben und vertrauen. Sich finden und sich dabei verlieren auf ein Vertrauenswürdiges hin: das ist nicht in der Autonomie möglich, die sich auf sich selbst versteift - aber möglich ist es in der Freiheit, die sich auf ein "mehr" hin öffnet. Aus Freiheit wird Hingabe sinnvoll - und nur dort übrigens, was zugleich den alten Verdacht ausräumt, daß Hingabe monomanisch entgleisen muß und nichts anderes ist als listig umbenannte Preisgabe.

Die Wahrheit ist: Wir spannen uns immer über uns selbst hinaus. Jeder Mensch ist mehr, als er selbst ist. Dieses eigentümliche "Mehr" trägt die Namen von Werten; die Hoffnung, die Liebe, die Angst beschäftigen sich damit. Als Zugkräfte wirken: Sinn (eine tiefempfundene Aufgabe des ganzen Lebens etwa); die Erfahrung der Schönheit; die beseligende, ja selbst die unglückliche Liebe zu einem Du mit ihrer ungeheuren Erfahrung von Selbstgewinn und Selbstverlust; das Heilige und leider auch das Dämonische (religiöse Erfahrungen); schließlich der Heilige. Solche Werte sind nicht ein frömmelndes Dekor der Kultur, die ihnen lange ausgewichen ist; nochmals: sie gehören ihr von Grund auf und von der Sache her zu.

Und die Unterscheidung des Christlichen?

Heute bieten sich viele falsche "Netze der Freundschaft" an: Astrologie, Okkultismus, "Erdkräfte", und was die grüne und schwarze Esoterik alles aufzubieten vermag. In diesen Angeboten sind Dinge, Handlungen, Gegenstände (meist käuflicher und teurer Art) als Hilfe angeboten. Stattdessen ist die 9 Unterscheidung nötig: nicht "etwas" stabilisiert, sondern "jemand".(12) Beziehung meint Leben: Leben verleihen und Leben zurückerhalten. Das Christentum weiß von einem Antlitz, von einer Ur-Beziehung, die ein Leben lang nicht auszuschöpfen ist. Genau damit ist es auch eine Antwort auf die Postmoderne und deren Forderung nach Veränderung. Denn es handelt gerade nicht von einem "unbeweglichen" Gottesbild, von einer festgezurrten Beziehung "an kurzer Leine". Eben das Gegenteil ist wahr, nur meint das Gegenteil nicht "nach Belieben veränderlich", sondern:

Inhalt des Christentums ist der Lebendige, ja der einzig Lebendige, das Urleben selbst; dieses ist ebenso unwandelbar wie überraschend und daher auch, wie Augustinus sagt, "jünger als wir alle". Ebenso hat es Christentum auch beim Menschen nicht mit einer "festen Größe" zu tun, solange es ihn "im Lauf" (13) auf der Rennbahn weiß. Das heißt, daß das Christentum die Vorgänge im Hiesigen nicht endgültig wertend besetzt: Das Kleine kann noch groß werden, das Ausgesonderte zum Eckstein, das Häßliche staunenerregend, das Glanzvolle unscheinbar - alles im Rahmen noch offener Lesbarkeit, die dieser Entscheidungszeit innewohnt. So orientiert sich christliche Wahrnehmung nicht so sehr am Sein der Griechen, obwohl es dieses mit den guten Gründen des Thomas von Aquin in seine Philosophie übernommen hat, sondern tiefer noch am Leben des Johannesevangeliums.(14) Unter dem Anspruch des Lebendigen Gottes kommt in das christliche Dasein des Einzelnen wie in die gemeinschaftliche Geschichte des Alten und Neuen Israel der Wandlungsreichtum der Geschichte, ihrer sozialen Einfälle, ihrer wechselnden Kunstepochen, ihrer so verschiedenen Lebenswelten. Die Begegnungen mit dem Lebendigen selbst erschöpfen sich eben gerade nicht in einer einzigen Gestaltung, sie können sich vielfach verleiblichen.

Blicken wir mit dem Merkmal Leben (gleich Veränderung, Dynamik) darauf, wie wir unter dem Blick Gottes "werden". Der Mensch ist nicht einfach, er wird. Das Vorläufige, Unfertige, Abgebrochene, ja auch das Zukurzgekommene drängt, so die christliche Behauptung, auf Vollendung hin. Vollendung meint eine Zukunft, die schon gegenwärtig ist und unter Forderungen stellt. Die Beziehung zu Gott fordert heraus, setzt in Bewegung, paßt sich an uns an, paßt uns an sich an - im großen "Glücksspiel" des Lebens. Und es ist entscheidend, daß eine christliche Erziehung dem göttlichen Mitspieler Namen und Raum gibt, als eine Adresse für das ganze weitere Leben, wenn sich längst die Tür des elterlichen Hauses und die Schultore geschlossen haben. Es geht nicht um den interreligiösen Einheitsgott oder gar um den neutralen göttlichen „Urgrund“, es geht um den einzuübenden Blick auf das Antlitz Christi. Fassen wir die Lebensspannungen, und vorrangig jene von innen nach oben, mit einem reizvollen Paradox zusammen, das Goethe überliefert hat: „Den Timon fragte jemand wegen des Unterrichts seiner Kinder. Laßt sie, sagte der, unterrichten in dem, was sie niemals begreifen werden.“ (15)

Schließen wir noch etwas lockerer mit Karl Valentin. Am Münchner Marienplatz hielt er einen Passanten an mit der Frage: "Können Sie mir bitte sagen, wo ich eigentlich hinwill?" Es ist (freudige) Aufgabe der christlichen Erziehung, den Mädchen und Jungen zu sagen, wo sie eigentlich hinwollen.

(Schluss)

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Anmerkungen

12 Grundlegend zum Personbegriff: Robert Spaemann, Personen. Versuche über den Unterschied zwischen 'etwas' und 'jemand', Stuttgart (reclam) 1996.
13 2 Tim 4, 7.
14 Vgl. Michel Henry, "Ich bin die Wahrheit." Für eine Philosophie des Christentums, Freiburg (Alber) ²1999.
15 J. W. v. Goethe, Maximen und Reflexionen 164.