Elterngeld - Schritt in welche Richtung?
Das Elterngeld wird in den Medien überwiegend als familienfreundliche und familienfördernde Maßnahme „verkauft“. Begrüßenswert ist es aus der Sicht einer berufstätigen Frau, die gerne bald wieder in den Beruf zurück möchte. Mit welchem Recht fördert aber die Politik nur ein ganz bestimmtes Familienmodell, nämlich das der doppelverdienenden Eltern? Wird hier nicht in einseitiger Weise die (voll) berufstätige Mutter kleiner Kinder – die natürlich das Leitbild der derzeitigen Politik ist – in das Zentrum der Überlegungen gestellt, so als ob es das andere nicht gäbe.
Den Frauen wird damit vermittelt, sie seien nur dann etwas wert, wenn sie außerhäuslich berufstätig sind. Besser wäre es, die Erziehungsarbeit (auch wenn es um die eigenen Kinder geht!) als Beruf anzuerkennen und damit auch echte Wahlfreiheit zu ermöglichen, statt die nicht berufstätigen Mütter auf diese Weise zu diskriminieren. Als Frau möchte man die Freiheit haben, sich für mehrere Kinder zu entscheiden und sie selbst zu erziehen, ohne damit gesellschaftlich in Rechtfertigungszwang zu geraten und finanziell unter Druck. Und letzteres ist ja die unausweichliche Folge, wenn einseitig in die staatliche Betreuung investiert wird, die sich zudem über das Kindeswohl hinwegsetzt.
Kindeswohl
Das Kindeswohl, das ist ein entscheidender Gesichtspunkt, der in der Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu wenig Gewicht hat. Was die Psychotherapeuten (sofern sie sich nicht von ideologischen Erwägungen bestimmen lassen) schon seit Jahrzehnten wissen, wird jetzt auch durch die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung bestätigt: Seelische Stabilität, Lernfähigkeit, Soziales Verhalten – all diese Eigenschaften haben ihre Voraussetzung in einer ungestörten Prägungsphase, in der das Kind durch die Konstanz der Bezugspersonen Urvertrauen entwickeln kann. Diese Prägung vollzieht sich während des ersten Lebensjahres des Kindes. Eine Trennung nach einem Jahr von der Hauptbezugsperson herbeizuführen, wie es durch das Elterngeld geschieht, ist in diesem Sinn ein Schritt in die ganz falsche Richtung.
Interesse der Frau
Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit sollten nicht länger als Gegensätze gesehen werden, die gegeneinander auszuspielen sind. Eine gesellschaftliche Aufwertung und Anerkennung der Erziehungsarbeit ist vielmehr nicht nur im Interesse der Kinder, sondern auch im Interesse der Frauen wünschenswert. Frauen möchten auch in ihrer Rolle als Mutter ernst genommen werden und für ihre Erziehungsleistung gesellschaftlich anerkannt sein, handelt es sich dabei doch keineswegs um eine rein private Aufgabe, sondern um eine wesentliche Leistung für die Gesellschaft.
In diesem Sinne hat die Rede von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch einen diskriminierenden Aspekt, der leicht übersehen wird. Denn darin liegt doch geradezu eine Abwertung der Erziehungsarbeit und die Verpflichtung, alles gleichzeitig zu tun, ein „Vorwurf“ also an diejenigen, die den Schwerpunkt anders setzen, die aber deshalb nicht weniger leisten. Vorherrschend ist oft der Gesichtspunkt, Frauen seien benachteiligt, wenn ihnen die Rolle der Kindererziehung zugeschrieben wird. Aber handelt es sich nicht vielmehr auch um ein Privileg! Ich kenne jedenfalls viele Frauen, die sich dessen bewußt sind und das so sehen.
Die amerikanische Psychologin Daphne de Marneffe, eine Feministin neuerer Prägung, ist der Ansicht, dass das tiefgreifende Verlangen von Frauen, Mutter zu sein, ihr Leben und ihre Persönlichkeitsentwicklung genauso tief präge wie ihre Sexualität. Feministinnen beschäftigten sich vor allem mit der Frage, was es für Frauen bedeute, auf Erwerbsarbeit zu verzichten, um für ihre Kinder zu sorgen. Aber es gehe darum zu begreifen, was es für Frauen bedeute, auf die Versorgung ihrer Kinder verzichten zu müssen, um zu arbeiten. Ein schöner Gesichtspunkt.
Zeit für Kinder
Was bedeutet es, wirklich Zeit für Kinder zu haben (und nicht nur nebenbei am Feierabend oder am Wochenende)? Nicht nur in den ersten Jahren, wo die Anwesenheit einer festen Bezugsperson sozusagen unverzichtbar ist, sondern auch später noch ist es wichtig, sich Zeit für ein Kind zu nehmen. Dadurch wird seine Individualität gefördert und sein Selbstbewußtsein gestärkt.
An geistiger Beschäftigung bin ich als Frau auch während der Erziehungszeit nicht gehindert. Habe ich nicht gerade dadurch auch Zeit, nachzudenken, während ich zum Teil mit Tätigkeiten beschäftigt bin, die die Gedanken nicht völlig in Anspruch nehmen? Sicher ist es mehr als verständlich, wenn ich als Frau meinen Beruf liebe. Aber das schließt nicht aus, dass ich auch andere Aufgaben als wichtig und zeitweilig vielleicht sogar als vorrangig erkenne. „My carrier can wait, my children can`t“, so lautet deshalb ein amerikanisches Schlagwort.
Schlußbemerkung
Nicht die Angst, andernfalls nicht mehr als modern und zeitgemäß zu gelten, sollte das entscheidende Handlungsmotiv der Politiker im Bereich der Familienpolitik sein. Nicht nur, weil das ohnehin eine irrige Vorstellung ist angesichts der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entfaltungsbedingungen des Menschen in den ersten Lebensjahren, sondern auch, weil die Wünsche der Familien ernst genommen werden müssen, deren primäres Interesse nicht die Verwirklichung der Ziele des Feminismus (in seiner bisherigen Prägung) ist.
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