Ehe- und Familiengemeinschaft (5)

Ehe- und Familiengemeinschaft (5)

Die Familie als "communio" verlangt gemeinsames Lösen aller auftretenden Probleme in gemeinsamer Verantwortung; dies betrifft zunächst die Eltern, aber auch die Kinder, wenn sie größer werden. Die leidige Frage, wer nun für welchen Bereich zuständig sei, ob die Frau im Haus und der Mann im Beruf draußen arbeiten solle oder umgekehrt, scheint dabei oberflächlich und müßig zu sein.

5. Gemeinsam als Frau und Mann

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Die Chance unserer Zeit besteht ja gerade darin, daß Schablonen aller Art abgeschafft werden. Es geht nicht mehr so sehr um "den" Mann und "die" Frau, sondern vielmehr um "diesen konkreten" Mann und "diese konkrete" Frau. Die Situation jedes Menschen und damit erst recht auch jedes Ehepaares und jeder Familie ist komplex, letztlich einzigartig und unwiederholbar. Weniger als früher gibt es im Familienleben einseitige Aufgabenzuweisungen.

So ist es beispielsweise nur begrüßenswert, daß neben der Hausfrau auch der "Hausmann" eine Daseinsberechtigung bekommen hat. Ein Grund mag darin liegen, daß es Frauen gibt, für die es - trotz ihres natürlichen Wunsches nach einer Familie - psychologisch fast unmöglich ist, nicht draußen zu arbeiten. Wenn diese Frauen mit Männern verheiratet sind, die gern daheim bleiben, wird die Lösung des Problems einfach sein. Für die Kinder ist es ohnehin besser, eine zufriedene Berufstätige als eine vergrämte Hausfrau zur Mutter zu haben. Wenn jene Frauen allerdings mit Männern verheiratet sind, die ebenso gern in der Öffentlichkeit wirken wollen, wird man sich auf einen Kompromiß einigen müssen und dies bei den inzwischen flexibleren Arbeitsbedingungen und Lebenseinstellungen leichter können als früher.

Bei allem Verständnis für konkrete Situationen sieht es heute allerdings nicht so aus, daß die meisten Frauen glücklicher im Beruf und unglücklicher im Haus sind als die meisten Männer. Der "Hausmann" wird daher wohl eher eine Ausnahme bleiben. Der sog. "Rollentausch" ist außerdem nie vollständig vollzogen. Denn es gibt in der Praxis für beide Eltern Gebiete, die eben nicht ausgewechselt werden können, wenn es auch unbestreitbar ist, daß jeder seine eigene "Vater-" oder "Mutterrolle" selbst finden muß.

Die durchaus vorhandenen Fähigkeiten des Mannes zur Hausarbeit werden vor allem wohl dann deutlich sichtbar, wenn echte Not besteht, wenn etwa ein Vater mit seinen kleinen Kindern allein bleibt und aus dieser schmerzlichen Situation heraus besondere Kraft für seine Aufgaben erwirbt.

Die Frau aber ist normalerweise hellhöriger, kontaktfreudiger, begabter in Feinmotorik. Ihre Freude daran, ein Zuhause zu schaffen, und ihr Interesse für das Seelische und Personale sind nicht einfach nur anerzogen. Daher wird sie es oft gar nicht wünschen, daß ihr Platz im Haus von ihrem Mann eingenommen werde.

Doch grundsätzlich kann man sagen, daß Frauen heute mehr traditionell "Männliches" tun, während Männer sich immer mehr an sog. "weibliche" Aufgaben heranwagen. (Es ist fast selbstverständlich, daß auch die Väter ihre Kinder wickeln - zumindest in der westlichen Welt.)

Diese neue Situation sollte nicht skeptisch betrachtet und beargwöhnt werden; vielmehr möchte ich ihre positive Bilanz vorzeigen: Sie bedeutet im privaten und auch im beruflichen Zusammenleben viel Erleichterung für Mann und Frau; manche Heuchelei, manche doppelte Moral sind verschwunden; man hat bessere Möglichkeiten, sich kennenzulernen und Verständnis füreinander aufzubringen. Somit ist die neue Situation durchaus ein Gewinn für alle Beteiligten.

Das weibliche Streben nach Berufstätigkeit hat noch einen anderen Vorteil gebracht: Die Frau ist heute - sowohl ökonomisch, als auch rechtlich und gesellschaftlich - weitgehend nicht mehr abhängig vom Ehemann. Manche haben diese neue Situation bedauert, weil sie darin eine Gefahr für die Beständigkeit der Ehe sehen: Wenn es der Frau leicht gemacht werde, auf eigenen Füßen zu stehen - so heißt es -, dann werde die eheliche Gemeinschaft bei der kleinsten Schwierigkeit auseinanderbrechen. Doch für die "communio" gilt genau das Gegenteil. Sie setzt ja gerade voraus, daß beide Partner frei und selbständig sind, und daß sie sich in Liebe, nicht in Zwang, verbunden wissen.

Nicht mehr der Sprung über alle Zäune der Konvention ist heute das verlockende Ziel. (Das Nein-Sagen und Aussteigen haben wir weitgehend hinter uns, und wir sind enttäuscht von den Ergebnissen.) Immer mehr erkennen wir heute unsere Aufgabe in der souveränen Gestaltung unserer Freiheiten; und wir erkennen auch, daß wir zu neuer Verantwortung - besonders auch in Ehe und Familie - vorstoßen müssen.

Natürlich ist unbestreitbar, daß vor allem kleine Kinder ein gesichertes Zuhause und eine feste Bezugsperson brauchen, die ihnen Liebe und Geborgenheit vermittelt. In der Regel wird das auch die Mutter sein. Doch das muß nicht unbedingt heißen, daß eine Frau sich ausschließlich um Haus und Kinder kümmert. Viele Frauen wollen auch anderes tun und sich deshalb keine Gewissensbisse einreden lassen. Bemühen sie sich um eine "communio", so ist auch für diese Frauen das Wohl ihrer Familie das höchste Ziel.

Und ihr Engagement außer Haus kann tatsächlich auf vielfältige Weise der Familie zugute kommen - nicht zuletzt dadurch, daß es ihnen leichter fällt, Mann und Kindern offene und verständnisvolle Gesprächspartner zu sein. Gefragt ist heute nicht nur eine Mutter, die das Haus perfekt versorgt, sondern vor allem auch eine Mutter, die fähig ist, Freundin zu sein; und wenn ihr dies mit etwas Abstand von der Familie eher gelingt, so wäre allein schon deshalb die außerhäusliche Tätigkeit voll gerechtfertigt.

Doch auch für die Männer ist es notwendig, sich von überholten Rollenklischees zu lösen. So wird beispielsweise Erfolg als Symbol der Männlichkeit von jeher als Verpflichtung empfunden. Dabei sind das Wichtigste für die Familie weder Karriere noch ein ständiger Zuwachs der finanziellen Mittel. Entscheidender ist, daß der Ehemann Zeit hat für seine Frau, daß der Vater Zeit hat für seine Kinder, daß er sich dem Streß der modernen Leistungsgesellschaft zu entziehen weiß.

Es wird für den Mann (wie für die Frau) unumgänglich sein, immer wieder das Verhältnis von Arbeit und Freizeit zu überprüfen, wobei Freizeit nicht nur die Zeit ist, die übrigbleibt: Man muß sie schaffen, denn finden wird man sie nie! "Für viele beschäftigte Väter ist es leichter, Geld zu geben als sich selbst," bemerkte der Referent Ben Jacob bei einem Familienkongreß in Bonn. "Und viele Väter opfern heute ihre Familien der eigenen Karriere. Ein erfolgreicher Manager sagte einmal: 'Ich bin die Leiter des Erfolges hochgestiegen. Erst als ich oben ankam, merkte ich, daß die Leiter an der falschen Wand angelehnt war."

Wie es heute nicht mehr Monopol des Mannes ist, den Lebensunterhalt zu verdienen, so darf auch die häusliche Verantwortung nicht die Frau allein zu tragen haben. Dabei geht es aber um mehr als gelegentliches Helfen in der Küche. Es geht um einen inneren Akt der Solidarität des Ehemannes gegenüber seiner Frau. Wichtiger als die äußere Arbeitsverteilung ist es, daß beide Gatten eine positive Einstellung zur Familie haben, die sich individuell auf unterschiedlichste Weise zeigt, immer aber in der Bereitschaft, auf irgendeine Weise die häuslichen Sorgen gemeinsam zu teilen.

Es wird wenig davon gesprochen, wieviel mehr heute Frauen und Männer, Kinder und Eltern gemeinsam tun können als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten hat ganz neue Varianten bekommen. Man lebt heute vieles simultan. Wir kennen keine eindeutigen Bestimmungen mehr von "männlichen" und "weiblichen" Tätigkeiten.

Wir unterscheiden auch nicht mehr starr zwischen Handlungen, die nur der Jugend, und anderen, die nur den Erwachsenen erlaubt seien. Es gibt keinen Sport und keine Mode mehr, die einer bestimmten Generation vorbehalten wäre; und es gibt auch nur wenige Sorgen, die die Eltern nicht auch ihren heranwachsenden Kindern anvertrauen würden. Eltern sind heute ihren Kindern oft näher und lassen sie enger an sich heran. Nicht nur bezüglich der Geschlechter, auch bezüglich der Generationen ist die Lebensgestaltung flexibler geworden. Dabei kann es natürlich nicht unser Ziel sein, daß alle nur Gleiches tun und dies auf gleiche Weise. Vielmehr gilt es, miteinander neu zu bedenken, wie sich - bei allen Gemeinsamkeiten - auch Verschiedenheit sinnvoll gestalten läßt.

Alles scheint recht einfach zu sein, ist es normalerweise aber nicht. Denn gemäß der theologischen Anthropologie ist die menschliche Natur von der Sünde geschwächt. Der Mensch ist zwar nach dem erhabenen Vorbild der göttlichen Dreieinigkeit zur Hingabe geschaffen, kann diese normalerweise aber nicht mehr spontan, leicht und freudig leisten. Im paradiesischen Urzustand mag das möglich gewesen sein, doch im heutigen Alltag ist Hingabe oft mit Überwindung und - vordergründig gesehen - auch mit persönlichem Nachteil verbunden. Anders ausgedrückt: Seit der Sünde kann die Hingabe den Charakter des Opfers annehmen, und es ist eine dramatische Realität, daß die menschliche Person nach wie vor nur durch sie zur Selbstverwirklichung und zum Glück gelangt.

Allerdings kennt die christliche Anthropologie - wie schon angeklungen - auch eine wesentliche Unterstützung in dieser recht harten Lage. Wo die Sünde herrscht, da wirkt auch die Gnade. Nimmt ein Mensch die göttliche Hilfe im Glauben an, so wird es für ihn zunehmend leichter, um des Glückes eines anderen willen die eigenen Interessen zurückzustellen, und er wird immer mehr Sinn in solchem Verhalten erkennen können. Schließlich wird er auch leichter erfahren, daß man gerade durch das Opfer zu einem tiefen inneren Frieden und zu einer dauerhaften Beziehung mit anderen gelangen kann.

Sind Mann und Frau bereit, für ihre Ehe und Familie Opfer zu bringen, so ist ihre Liebe zur Reife gelangt. Im Einzelfall kann diese reife Liebe ganz verschiedene - sogar gegensätzliche - Situationen begründen. Für eine Frau bedeutet es zum Beispiel ein Opfer, zu Hause bei den Kindern zu bleiben; für eine andere kann es heroisch sein, Beruf und häusliche Pflichten um der Familie willen miteinander zu vereinbaren. So wenig es Patentrezepte für die individuelle Gestaltung des Familienalltags gibt, so wenig ist es auch angebracht, als Außenstehender über konkrete Situationen zu urteilen. Die Belastbarkeiten sind sehr verschieden. Was für eine Frau (oder einen Mann) eine Unterforderung ist, bedeutet für andere eine Überforderung. Auch die Bedürfnisse der Kinder sind kaum vergleichbar: Ein einziges kann mehr elterliche Energien beanspruchen als mehrere andere.

6. Aussendung

Eine Familie, in der Eltern und Kinder füreinander da sind, kann Geborgenheit und Rückhalt für die Anforderungen des Alltags vermitteln. Als Urzelle des gesellschaftlichen Lebens ist sie aber niemals nur auf sich selbst konzentriert. Sie steht vielmehr unter dem Gesetz der Aussendung. Wenn die Heranwachsenden gelernt haben, was Freundschaft heißt, wenn sie offen sind für die Probleme der anderen und fähig, Verantwortung zu tragen, dann werden sie normalerweise aus der engen Lebensgemeinschaft entlassen, wie es sich aus der Eigenart der Familie ergibt: Das (physische) Zusammenbleiben ist erstrebenswert für die Ehegatten, nicht auch für deren Kinder. Zwar ist das Abschiednehmen oft hart, doch die Eltern dürfen hoffen, daß nun neue Familien als Gemeinschaften des Lebens und der Liebe gegründet werden, die von Wert und Würde der menschlichen Person mit der gleichen Radikalität wie ihre eigene Zeugnis geben. Ein arabisches Sprichwort sagt ihnen: "Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden."

(Schluss)

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Jutta Burggraf ist Dr.päd. und Dr. theol., Autorin zahlreicher Bücher und lehrt als Professorin für Systematische Theologie an der Universität von Navarra in Pamplona. Ihre email ist: jburggraf@unav.es