Ehe- und Familiengemeinschaft (4)

Ehe- und Familiengemeinschaft (4)

Natürlich bleibt die Ehe eine Herausforderung - aber eine Herausforderung, die man nun leichter bestehen kann. Wird sie als "communio" verstanden und gelebt, so vollzieht sie sich als leiblich-seelisch-geistige Gemeinschaft auf allen Ebenen des Menschseins, und auf allen Ebenen bedeutet sie für die Gatten Selbsttranszendenz und Vereinigung. Dabei ist sie grundsätzlich offen für neues Leben; denn der jeweils andere wird als ganze Person, d.h. auch in seiner Fruchtbarkeit und in der möglichen Vater- bzw. Mutterschaft angenommen.

von Jutta Burggraf
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Zu den anderen Teilen der Serie:

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>Teil3
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4. Neue Personen annehmen

Würde man allerdings die geschlechtliche Vereinigung exklusiv in der Zeugung von Nachkommenschaft sehen, so würde man den Partner verzwecken, letztlich mißbrauchen. Dies erkennt man heute im allgemeinen sehr klar, und man versucht nicht selten, von hier aus einen gewissen "affektgeladenen Gegensatz" zur früheren Ehe zu konstruieren, die das Kind als Zweck betrachtete. Doch ebenso wird der Partner objektiviert, wenn er für den anderen nur Gegenstand des Genusses ist.

Sind aber sowohl der Wunsch nach Kindern als auch der Wunsch nach sexueller Erfüllung eingebunden in die eheliche Liebe, dann ist die "communio"-Beziehung zwischen den Partnern gelungen, und ihre Gemeinschaft wird in der Regel durch die "Annahme" neuer Personen bestätigt, gefestigt und zur Familie erweitert. (Nur kurz angemerkt sei, daß normalerweise auch in die eheliche Gemeinschaft jeder Partner "Familie" mitbringt. Es ist eine lohnende Aufgabe, die Beziehungen auszubauen; die Frage, wie ältere Menschen sinnvoll integriert werden können, ist sicher eine der dringlichsten Herausforderungen für die Zukunft.)

Die Familie ist für Johannes Paul II. das System von Beziehungen, in dem man "vielleicht...am einfachsten und zugleich am vollständigsten...den Kommunionscharakter des menschlichen Seins darstellen kann." Hier wird jeder "um seiner selbst willen" geliebt, aufgrund dessen, was er ist, und nicht dessen, was er hat. Hier kann man einfach Mensch sein. Jeder wird angenommen, weil er ist und wie er ist - das heißt konkret: wie auch immer er sein mag: krank oder gesund, mit intellektuellen oder praktischen Begabungen, in Erfolg und Niederlage. Hier braucht man sich nicht zu rechtfertigen und zu verteidigen, nicht durch Leistungen die Gunst erwerben; hier geht es nicht um Ämter und Positionen. Familie ist "der Ort, wo Hobbies, Spiel, Eigentümlichkeiten, weltliche Interessen und Glaubensleben harmonisch integriert werden, ein Ort, wo künstlerische Begabungen dritter Klasse,... Erinnerungen von Banalitäten des Alltags ihren Platz finden, weil das einzige Ziel darin besteht, beisammen zu sein und gemeinsam das Leben zu meistern." Jeder ist hier wichtig, und jeder ist als Person unersetzbar.

Allerdings ist auch die gegenteilige Erfahrung bekannt. Werden Ehe und Familie nicht als "communio" erlebt, so können sie zur Hölle auf Erden werden. Gerade weil sie in besonderer Weise darauf abzielen, den Wert des Menschen an sich zu unterstreichen,ist ihr Mißbrauch besonders grausam. Da wo geliebt wird, wo man sich dem anderen schenkt und öffnet, kann man leicht verletzt werden. "Aber auch diese negative Erfahrung der Ehe oder Familie als Hölle unterstreicht, wenn auch auf tragische Weise, daß die Ehe ein besonderer Ort der Menschenwürde ist, ja daß sie die Aufgabe hat, Hort der Menschenwürde in der Gesellschaft zu sein."

Da jedes Mitglied der Familie individuell ist, ist auch das Beziehungsfeld individuell. Für die Eltern bedeutet das, daß sie sich ihren unterschiedlichen Kindern auf unterschiedliche Art widmen. Das eine braucht mehr Strenge, das andere besondere Aufmunterung, das eine muß allein gelassen, das andere viel mehr begleitet werden. Wenn die Eltern auch ihre Kinder als "Personen" ernst nehmen, akzeptieren sie jedes einzelne als neue Herausforderung ihrer Liebe, und sie bemühen sich in der Erziehung, seiner jeweiligen Eigenart gerecht zu werden. Beide (Vater und Mutter) wirken gestaltend an der Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit mit, "sowohl vor der Geburt des Kindes als auch danach."

Grundsätzlich geht es im Erziehungsprozeß darum, den Kindern zu helfen, reife, möglichst auch belastbare Menschen zu werden, die ihre Freiheit gebrauchen und das Leben selbst meistern können. Wichtiger als diese oder jene konkrete Bemühung ist dabei, wer man ist und wie man ist, d.h. ob man selbst zur Reife gelangt ist und verantwortungsvoll zu handeln vermag; denn niemand kann geben, was er nicht hat.

Mit dieser These sollen keineswegs Bedeutung und Zweckmäßigkeit spezifischer pädagogischer Konzepte heruntergespielt werden; es geht nur darum, auf die notwendige Grundlage jeder Erziehung hinzuweisen. Da es zunächst und vor allem um die Person des Erziehers selbst geht, ist jede Aktivität der Eltern von erzieherischem Wert, ob sie nun in direkter Beziehung zu den Heranwachsenden steht oder nicht. Denn die Eltern beeinflussen ihre Kinder in erster Lienie nicht mit Worten, sondern mit ihrem ganzen Leben. "Suche dir einen Meister, den du mehr schätzst, wenn du ihn siehst, als wenn du ihn hörst," rät deshalb der Volksmund.

In der Familie können Mann und Frau erfahren, daß nicht nur Eltern ihren Kindern, sondern umgekehrt auch Kinder ihren Eltern zu seelischen Reifungsprozessen verhelfen, gerade auch durch die Sorgen, die sie ihnen bereiten. Und die Eltern können, wenn sie offen sind, durch ihre Kinder neu zu Lernenden werden. Insofern jedes Kind von Anfang an Person ist, ist es von Anfang an auch "Gabe", d.h. fähig, nicht nur zu empfangen, sondern auch zu schenken. Es nimmt auch aktiv an der "communio personarum" teil.

Zunächst vermittelt es Mann und Frau das Bewußtsein von Vater- und Mutterschaft und damit das Bewußtsein größerer Verantwortung, oft auch einen gesunden Stolz und natürlich die Erfahrung, geliebt und gebraucht zu werden. Außerdem bringt es die Eltern ins Gespräch und in die gemeinsame Sorge um sein Wohl, wodurch deren Beziehung wiederum vertieft wird. Mit den Jahren wird es dann immer mehr zum Partner seiner Eltern, der bewußt seinen (immer originellen) Beitrag zur Familiengemeinschaft leistet.

(wird fortgesetzt)

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Jutta Burggraf ist Dr.päd. und Dr. theol., Autorin zahlreicher Bücher und lehrt als Professorin für Systematische Theologie an der Universität von Navarra in Pamplona. Ihre email ist: jburggraf@unav.es