Ehe- und Familiengemeinschaft (3)
Die Frage ist, auf welche Weise in Ehe und Familie Selbstbewusstsein und Selbstlosigkeit gleichermaßen gelingen können. Anders ausgedrückt: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Ehe und Familie tatsächlich einige elementare Bedürfnisse des Menschen befriedigen, die oberflächlich betrachtet sogar widersprüchlich erscheinen können - wie etwa der Wunsch nach emotionaler Heimat, nach Geborgenheit und Vertrauen und die ebenso starke Sehnsucht, selbständig und frei zu leben? Hier kann der Begriff der "communio" klärend wirken.
von Jutta Burggraf
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3. In personaler Beziehung leben
"Communio", vereinfachend als "Liebesgemeinschaft" übersetzt, ist die tiefst mögliche Beziehung von Personen untereinander. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von allen sozialen Kontakten, die nicht unbedingt wechselseitig von gleicher Qualität sein müssen, und die normalerweise aus irgendwelchen (wenn auch noch so ehrbaren) Interessen oder Absichten geschlossen werden. "Communio" ist immer Aktion und Reaktion, Ruf und Antwort zugleich; und sie ist letztlich absichtslos, d.h. sie hat kein anderes Ziel als den anderen Menschen als solchen. Sie nimmt den anderen in liebender Wertschätzung als einen "Selbstzweck" an, für den es sich zu leben und zu sterben lohnt. Wegen der ihr eigenen Tiefe fußt sie weniger in der sozialen, als vielmehr in einer gewissen interpersonalen Begabung der Menschen, die - nach einem Ausdruck Johannes Pauls II. - gerade darin besteht, "sich gegenseitig als Personen (zu) bestätigen und (zu) bejahen."
Wenn man jemandem gewährt, im Vollsinn des Wortes Person zu sein, dann nimmt man ihn in seiner freien Individualität, aber ebenso in seiner Hingabe an, durch die der andere, ohne es direkt anzustreben, die Selbstverwirklichung erreicht. Wird man von einem anderen im eigenen Personsein bestätigt, dann nimmt umgekehrt der andere die eigene, freie Hingabe an. In der "communio" ist beides nur zusammen denkbar: Die Hingabe ist reziprok. Dies wiederum ist nur möglich, wenn auch die Bereitschaft aufzunehmen, zu empfangen beidseitig ist. Die Rezeptivität erscheint somit neben der Hingabe als ein weiteres konstitutives Element der "communio", das übrigens in beide Richtungen positiv wirkt: Denn wenn man empfängt, dann bereichert, stärkt und beglückt man zugleich auch den anderen, ist doch die Aufnahmebereitschaft an sich schon eines der wertvollsten Geschenke, das man einer anderen Person machen kann. Rezeptivität besagt ebenfalls ein Wirken, aber ein annehmendes, ein verinnerlichendes, ein der Vertiefung der Aktivität dienendes. Sie kann daher nur als besondere Form der Aktivität, als Ausdruck der Kreativität voll erfaßt werden.
Was bedeutet es nun für die eheliche Gemeinschaft, wenn sie "communio" ist, wenn also zwischen Mann und Frau ein Zustand des wechselseitigen Schenkens und Annehmens besteht? Zunächst sicherlich, daß ein Klima "ganz besonderer persönlicher Freundschaft", ein Klima des Vertrauens und der Freiheit herrscht. Jeder kann sich entfalten, indem er den anderen beschenkt, und jeder bereichert den anderen, indem er ihn und von ihm empfängt. In solch einer Beziehung will man nicht herrschen, fordern und befehlen, sondern man will dem Glück des anderen dienen. Daher ist es für Mann und Frau selbstverständlich, sich gegenseitig unterzuordnen in Liebe. Sie lassen außerdem einander gelten, auch mit ihren Schwächen und Fehlern, denn sie fordern ja in erster Linie von sich selbst, nicht von dem Partner. So überfordern sie sich auch nicht gegenseitig mit egoistischen Ansprüchen oder mit der infantilen Erwartung, es in der Ehe so warm zu haben wie einst im Kinderwagen.
Die Ehe, sagt Ida Friederike Görres, ist heute "nicht mehr zuerst Heim und Hafen", sondern sie wird, wenn man sie in spiritueller Tiefe lebt und erlebt, zum mystischen Abenteuer. Denn, so fährt die bekannte Schriftstellerin fort, sie bedeutet die Übersetzung des großen christlichen Liebesgebotes 'aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüt und aus allen deinen Kräften' "ins menschliche Format".
Natürlich stellt sich jetzt die nüchterne Frage, inwieweit ein Mensch diesem Anspruch überhaupt gerecht werden kann. Er kann es wohl schwerlich aus eigenen Kräften. Hier nun ist eine weitere Vertiefung in der "communio"-Theologie nötig. Als Person ist der Mensch nicht nur Abbild des dreifaltigen Gottes, der sich als Beziehung, als Geschenk, als Hingabe offenbart. Er ist auch zur Gemeinschaft (zur "communio") mit seinem Schöpfer selbst berufen. Dies macht den tiefsten Sinn und das letzte Ziel seines Lebens aus: Jeder Mensch steht unmittelbar vor Gott, der ihn von Ewigkeit her als "Selbstzweck" liebt.
Johannes Paul II. bekräftigt dies immer wieder, wenn er mit Worten des II. Vaticanums hervorhebt, daß "der Mensch auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen geliebte Kreatur ist." Antwortet der Mensch auf die göttliche Einladung zur "communio" mit einem Leben, das im Glauben wurzelt, so erfährt er eine Potentialisierung der natürlichen Kräfte. Nach göttlichem Vorbild wird er immer mehr befähigt, gerade in der Hingabe und durch die (freiwillige) Hingabe zur individuellen Vollkommenheit zu reifen und glücklich zu sein: Denn wer die göttliche Liebe erfährt, kann Liebe geben; wer sich in Gott geborgen weiß, kann anderen Geborgenheit vermitteln; wem sich schließlich Gott als pure Entäußerung geoffenbart hat, der scheut nicht mehr davor zurück, sich für die anderen zu verausgaben.
Die Ehe als "communio personarum" ist folglich kein Lebensumstand, der neben der "communio mit dem Schöpfer" existiert und letztlich unabhängig davon ist. Sie wird im Gegenteil zum Ausdruck der Gottesliebe. In diesem Sinne sieht man gerade in den letzten Jahrzehnten immer klarer, dass sie ein "Weg zur Heiligkeit", eine "göttliche Berufung" sein kann.
(wird fortgesetzt)
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Jutta Burggraf ist Dr.päd. und Dr. theol., Autorin zahlreicher Bücher und lehrt als Professorin für Systematische Theologie an der Universität von Navarra in Pamplona. Ihre email ist: jburggraf@unav.es
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