Ehe- und Familiengemeinschaft (1)
Man spricht von einem neuen Europa. Grenzen fallen oder werden verschoben, Traditionen lösen sich auf, soziale, wirtschaftliche, kulturelle und ethische Maßstäbe ändern sich, Grundwerte geraten ins Wanken, Institutionen werden in Frage gestellt. Der Prozess des Umbruchs hat längst auch die Familie ergriffen. Zwar gehört es noch zum Ritual gewisser Akademieveranstaltungen, über die hohen Scheidungsziffern zu klagen - doch offene Beziehungen und eheähnliche Lebensformen sind inzwischen in weiten Kreisen der Gesellschaft selbstverständlich akzeptiert.
von Jutta Burggraf
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Und doch bereitet diese Entwicklung so manchem Sorge. George Orwell etwa beschrieb bereits 1949 in seinem berühmten Buch die Schrecken einer familienfeindlichen Zukunftsgesellschaft: "Eine Welt der Angst, des Verrats und der Qualen, eine Welt des Tretens und Getretenwerdens, eine Welt, die nicht weniger unerbittlich, sondern immer unerbittlicher werden wird, je weiter sie sich entwickelt... Wir haben die Bande zwischen Kind und Eltern, zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mann und Frau durchschnitten. Aber in Zukunft wird es keine Gattinnen und Freunde mehr geben. Die Kinder werden den Müttern gleich nach der Geburt weggenommen... Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft ausmalen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein Menschenantlitz tritt - immer und immer wieder." Orwell hat hier zweifellos etwas von dem vorweggenommen, was wir heute antreffen können: Verwahrlosung familiärer Beziehungen und, damit verbunden, zwischenmenschliche Anonymität.
1. Neuer Zugang zur Ehe
Man kann die gegenwärtige Situation mit vielen Argumenten - etwa mit dem Hinweis auf Statistiken, auf Biographien von Zeitgenossen (oder auch auf persönliche Erfahrungen) - als trostlos bezeichnen, doch man muß es nicht. Es gibt da noch eine andere Lesart der aktuellen Stimmungslage. Die Menschen sind heute nicht schlechter oder besser als zu anderen Zeiten. Wenn sie sich in großer Zahl von den traditionellen Vorstellungen über Ehe und Familie abwenden, dann heißt das eben, daß diese Vorstellungen zu eng geworden sind. Wenn viele mit dem Leben in der Familie unzufrieden sind, bedeutet dies, daß vieles hier geändert werden muß, aber noch nicht, daß die Familie grundsätzlich überholt sei.
Es gibt ein "Ideal" vom Leben, das alle Generationen ersehnen: glücklich sein, sich frei entfalten können, sich geborgen wissen. Viele zweifeln allerdings heute daran, daß dieses Ideal durch die Familie und in der Familie zu erreichen sei. Wäre dies wenigstens einigermaßen erkennbar, dann gäbe es wohl kaum jemanden, der sich ernsthaft gegen diese Institution wenden würde. Tatsache aber ist, daß jenes Ideal - jedenfalls mit gesellschaftlicher Relevanz - hier nicht verwirklicht ist. Die Mängel früherer Epochen - z.B eine gewisse Verzweckung der ehelichen Gemeinschaft, eine Überbetonung der juristischen Dimension, verschiedene moralische Anforderungen an Mann und Frau - treten immer greller zutage und sind für viele (gerade auch junge Leute) nicht mehr tragbar. Man sucht nach neuen Wegen, nach mehr Innerlichkeit und Aufrichtigkeit - und man landet leider oft im Chaos.
Nun ist eine moderne Ehe- und Familientheologie gefragt, die die Zeichen der Zeit zu sehen und in aller Tiefe auch zu deuten versteht. Ida Friederike Görres, eine deutsche Autorin, bemerkte treffend vor einigen Jahren: "Lange schon geht mir auf, daß die Ehe gegenwärtig im Begriff ist, aus ihrem Alten Testament in ihr Neues überzugehen - d.h. aus der puren oder doch überwiegend rechtlichen, soziologischen, wirtschaftlichen, moralischen Institution in den Bereich der spirituellen Entscheidung. Vielleicht ist es darum nicht nur ein schlechtes Zeichen, daß heute ein solcher Haufen Ehen zerbricht? Vielleicht bedeutet das u.a. auch, daß sehr viele Menschen die Ehe in den heute üblichen, den korrupten Formen nicht mehr zu ertragen, nicht mehr zu leben vermögen." Es kann selbstverständlich nicht darum gehen, eine gutbürgerliche Familienmoral aufzupolieren. Das wäre zu wenig und der Unruhe der Menschen auch nicht angemessen. Den aktuellen Herausforderungen darf nicht mit Spießertum begegnet werden! Vielmehr tut eine Neuorientierung dringend not. Man muß ein Modell für die Familie finden, das den zeitgenössischen Zug nach Innerlichkeit und Eigentlichkeit integriert, das aber zugleich auch ordnende Kraft besitzt.
Solch ein Modell bietet der aktuelle Papst, Johannes Paul II., wenn er die Familie als "communio personarum" (als Gemeinschaft von Personen) darstellt. Um es deutlich vorwegzunehmen: Johannes Paul II. beschönigt die konkrete Lage keineswegs. Er kennt die Nöte, denen die Familien heute weltweit ausgesetzt sind, und er nennt sie auch. "Aber er schaut nicht gebannt auf die Schatten, sondern lenkt den Blick auf das Licht, entfaltet...die Berufung zu Liebe und Leben, so daß Ehe und Familie in 'herrlicher Neuheit' (Familiaris Consortio 51)...aufleuchten" und man neu gestärkt an die Überwindung der Schwierigkeiten herangehen kann.
Im folgenden möchte ich das Modell kurz skizzieren und einige praktische Konsequenzen aus ihm ableiten.
(wird fortgesetzt)
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Jutta Burggraf ist Dr.päd. und Dr. theol., Autorin zahlreicher Bücher und lehrt als Professorin für Systematische Theologie an der Universität von Navarra in Pamplona. Ihre email ist: jburggraf@unav.es
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