Vom „Deutschenschwund“ als emanzipatorischem Fortschritt zum Erschrecken vor dem „gerassic parc“
Der Geburtenrückgang im Spiegel des SPIEGEL - Mediale Sorge um den Nachwuchs – Betreuungsplätze als neue Klapperstörche? - Was ist los mit den Leuten, warum will sich diese Gesellschaft kurz und klein schrumpfen? fragte sich die „ZEIT“ angesichts der in 2009 niedrigsten Geburtenzahl in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Kaum mehr als ein Jahr zuvor hatte die ZEIT noch verkündet, dass die „Familienpolitik der Großen Koalition“ mit dem Elterngeld und dem Betreuungsausbau die „grundsätzliche, systematische Lösung für die größten Kinder-Hemmnisse“ gefunden hätte. Aus einem bescheidenen Geburtenplus im Jahr 2007 meinte das Wochenblatt eine „schwungvolle Trendumkehr“ ablesen zu können.
von Stefan Fuchs
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Nun musste sie ernüchtert feststellen, dass sich „mit Geld allein“ die „Geburtenrate nicht nach oben treiben“ lässt. Die Hoffnung, dass mit dem 2007 eingeführten Elterngeld die Geburtenrate steigen würde, hatte die damalige Bundesfamilienministerin genährt. Das Elterngeld galt Ursula von der Leyen und ihren Mitarbeitern als Meilenstein einer „nachhaltigen“ Familienpolitik, die expressis verbis darauf abzielt die Geburtenrate auf 1,7 Kinder pro Frau zu erhöhen. Das demographische Verhalten der Deutschen folgt indes nicht den Regierungszielen: Die Geburtenraten der letzten Jahre lagen noch unter dem seit Mitte der 1970er zu verzeichnenden niedrigen Niveau von knapp 1,4 Kindern pro Frau. Der SPIEGEL fragt deshalb: „Sind von der Leyen und ihre Nachfolgerin Kristina Schröder also mit ihrem Ziel gescheitert, für mehr Nachwuchs im alternden Deutschland zu sorgen?“
Zu befürchten sei, dass dieser Misserfolg „all die Skeptiker, Kindergegner und Kontrahenten von Ursula von der Leyen“ bestätigen könnte. Trotz seiner ausbleibenden Geburtenwirkung will der SPIEGEL das Elterngeld als Fortschritt verstanden wissen, der „Frauen und Männern die Entscheidung für ein Kind erleichtert“. Seine Erfolge würden „über einen längeren Zeitraum noch sichtbarer werden“. Dafür brauche es „viel Geduld, Mut und finanzielle Mittel – und keine vorschnellen Kürzungen wie im aktuellen Sparpaket“. Geflissentlich verschwiegen wird, dass das Elterngeld im Vergleich zum früheren Erziehungsgeld für viele Eltern schon eine Kürzung war: Für Geringverdiener und Studenten brachte es Einbußen von bis zu 3600 €: Statt bis zu 24 Monaten bekommen sie den „Sockelbetrag“ von 300 € nur noch für 12 Monate ausbezahlt. Dessen ungeachtet behauptet auch die ZEIT, dass die neue Politik Eltern „das Leben ja tatsächlich erleichtert“ habe. „Das ganze familienpolitische Projekt für gescheitert zu erklären, den Kita-Ausbau zu stoppen und das Elterngeld abzuschaffen“ wäre deshalb „Unfug“ und ein „Rückfall in den ungeregelten Vorzustand“: „Und von einem Rückfall ginge – gerade in Krisenzeiten – ein fatales Signal aus: Jetzt wird Politik gegen Familien gemacht“ (1).
Wie eine Politik für Familien auszusehen hat, ist seit Jahren in den zitierten Blättern immer wieder zu lesen: Statt „Kindergeld mit der Gießkanne zu verteilen“ müsse die Kinderbetreuungsinfrastruktur ausgebaut werden. Bisher sei Deutschland in Sachen Kinderbetreuung – so zitierte der SPIEGEL 2004 den Regierungsökonomen Bert Rürup – "fast so was wie ein Entwicklungsland". Zu oft könnten deshalb Mütter nur Teilzeitjobs annehmen oder müssten gar ihre „Berufspläne in den Wind schreiben“, während kinderlose Paare in Vollzeit „als Doppelverdiener Geld scheffeln“ (2). Die Einnahmeverluste durch den Erziehungsjob schreckten besonders hoch qualifizierte besserverdienende Frauen vom Kinderkriegen ab. Gerade ihnen müsse es der Staat durch Betreuungsangebote ermöglichen trotz Kindern erwerbstätig zu bleiben. Die schwer vermeidbare Erwerbsunterbrechung nach der Geburt sollte möglichst kurz gehalten und für Besserverdienende durch das Elterngeld als Lohnersatzleistung finanziell überbrückt werden. In dieser von Bert Rürup entworfenen Elternerwerbsförderpolitik sahen die Publizisten das politische Heilmittel gegen den Kindermangel in Deutschland. Dass seine Wirkung bisher zu wünschen übrig lässt, kann aus ihrer Sicht nur an der bisher zu geringen Dosis liegen: Es gibt immer noch nicht genug Krippenplätze, besonders in den großen Ballungszentren müssten sich Eltern auf sie „wie auf einen Arbeitsplatz bewerben“.
„Deutschenschwund“ als Entlastung“ vs. „völkisches Lamento“ – Demographie im SPIEGEL
So besorgt um den (fehlenden) Nachwuchs und die „geeigneten Rahmenbedingungen“ für Eltern in Deutschland war die Hamburger Wochenpresse nicht immer. Zwar hat sie das Geburtenverhalten der Deutschen schon früh interessiert: Über „Leere Wiegen“ berichtete der SPIEGEL bereits im Januar 1973 (!) als sich für 1972 erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik ein Überschuss der Sterbefälle über die Geburten abzeichnete. „Mehr Sex – weniger Babys: Sterben die Deutschen aus?“ titelte er im März 1975 nachdem sich die Geburtendefizite seitdem jährlich wiederholt hatten. Die Frage nach dem „Aussterben der Deutschen“ war damals nur ironisch zu verstehen: Noch wenige Jahre zuvor war die deutsche Bevölkerung durch Geburtenüberschüsse stark gewachsen und durch Zuwanderung nahm sie noch immer zu. „Sterben wir aus?“ hatte schon Ende 1972 die Süddeutsche Zeitung in einer – so der SPIEGEL – „ironischen Interpretation nationalbewusster Gemüter“ getitelt. Das „Lamento um leere deutsche Wiegen“ galt als Marotte Ewig-Gestriger. Im Gegensatz zu diesen den „Ruin“ befürchtenden „national Gesinnten“, würde das „Gros der Experten“ den Geburtenrückgang positiv bewerten. Schließlich bringe er in „vielen Bereichen soziale Entlastung“: „In Geburtenkliniken müssen Schwangere nicht mehr so häufig in Notbetten auf dem Flur auf die Entbindung warten, die Ärzte haben mehr Zeit“. Ähnlich vorteilhaft wirke sich die verringerte Geburtenzahl auf die Qualität der Kindergarten-Betreuung, weil man nun die Gruppenstärken verringern könnte. Nachwuchsrückgang bedeute „in vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht schieres Vakuum, Raum ohne junges Volk, sondern eher Abbau strapaziöser Überfüllung“. Diese Sichtweise teilte damals auch das Bundesfamilienministerium, schließlich könne „eine große und ständig wachsende Zahl" von Bundesbürgern „den Fortschritt ernsthaft gefährden“. In der Tat – pflichtete der SPIEGEL bei – „verspräche ein Deutschenschwund einige gesellschaftlich stabilisierende und damit politisch erwünschte Tendenzen“: Rationalisierung und Modernisierung der Wirtschaft verlören an Bedeutung für den Arbeitsmarkt; bei gleichbleibender Produktivität stiege das Pro-Kopf-Einkommen; die Umweltbelastung ginge zurück. "Das Ende des Geburtenüberschusses in einem so dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik", so meinte damals die „Süddeutsche Zeitung", "beweist das Wirken der Natur mit Hilfe der Vernunft".
Dabei war aus dem einstigen „Überschuss“ längst ein dauerhaftes Defizit geworden. Bereits Mitte der 1970er Jahre war die Geburtenrate weit unter den Generationenersatz auf ein Niveau von 1,5 Kindern pro Frau abgesunken. Bei diesem Geburtenniveau ersetzt sich die jeweilige Elterngeneration nur noch zu zwei Dritteln durch eigene Kinder: Ein fortgesetzte und sich selbst verstärkende Schrumpfung der Bevölkerung ist vorprogrammiert. Für Bayern hatte das Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen vorausberechnet, dass bei gleichbleibend niedriger Geburtenneigung die bayerische Bevölkerung innerhalb eines Jahrhunderts um etwa die Hälfte schrumpfen würde. Solche nüchternen Berechnungen waren für den SPIEGEL ein Heraufbeschwören „düsterer Visionen“. Überdies sei ungewiss, welche Auswirkungen eine solche mutmaßliche Bevölkerungsimplosion haben würde: „Gesellschaftsprognostiker und Wirtschaftsforscher halten mit Voraussagen zurück, nur politisch konservative Beobachter, etwa in der "Welt" malen für die zusammenschnurrende Luxusnation ein dickes Ende aus: „reich, emanzipiert und ausgestorben“.
Dass geburtenschwache Gesellschaften nicht nur schrumpfen, sondern vor allem dramatisch altern, war bereits damals bekannt: "Die Bevölkerungsschrumpfung" – so das bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umwelt „ist begleitet von einer gleichzeitigen Bevölkerungsüberalterung. Den geburtenstarken älteren Jahrgängen stehen zahlenmäßig drastisch reduzierte jüngere Jahrgänge gegenüber – die Bevölkerungspyramide verwandelt sich in einen Bevölkerungspilz". Auch der SPIEGEL gab vor zu erkennen: „Wenn die künftige Bevölkerungspyramide gleichwohl einen Schatten auf den sozialen Frieden von morgen wirft, dann aufgrund ihrer alarmierenden Altersschichtung“. Schon sei „fest programmiert“, das die Zahl der über 75-jährigen bis 1985 um ein Drittel steigen werde. Dieser „Senioren-Boom“ scheine „die Vision einer grauköpfigen Gesellschaft“ heraufzubeschwören, „eines Gemeinwesens, in dem die Betagten immer mehr und womöglich immer mächtiger werden, während den Jungen mit der Kopfzahl der Einfluss schwindet – Spuk einer Gerontokratie, Diktat der Alten über Konsum, Staatsausgaben und Verteilung des Sozialprodukts“. Der „Futurologe“ Hans-Georg Graf aus St. Gallen befürchtete, dass die Jüngeren die „sozialen Lastesel der Zukunft" abgeben müssten. Solche „Kassandra-Rufe“ hielt der SPIEGEL für gänzlich „unangebracht“: „Junge Menschen sind es, die 20 Jahre lang Geld kosten. Ein 65 jähriger hat nicht die Chance, noch so lange zu leben" – zitierte er den Bevölkerungsforscher Hermann Schubnell. „Kinder kosten mehr als ältere Leute" meinte auch sein Kollege Karl Schwarz, „weil für die Kinder neben den Kosten für den Lebensunterhalt noch die Kosten für die Ausbildung in Form von Ausgaben für Gebäude, Einrichtungen, Lehrmittel und Lehrgelder anfallen". Für die Berufstätigen ergebe sich deshalb aus der gewandelten Altersstruktur „im Ganzen nicht eine stärkere Belastung, sondern eine finanzielle Entlastung“.
Auch die Bundesregierung versicherte damals, dass drückendere Rentenlasten nicht zu befürchten seien: Schließlich könne der absehbare Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung durch eine stärkere Erwerbsbeteiligung ausgeglichen werden. Stärker am Erwerbsleben beteiligen sollten sich dem SPIEGEL zufolge vor allem „jene kinderarmen Frauen, die daheim nicht ausgelastet sind“. Hier finde man ein Potential, das bisher „verschleudert“ werde. Selbst für die Emanzipation der Frau könnte „die stagnierende Bevölkerungszahl“ so einen „unerwarteten Schub bewirken“. Anschieben sollte der Geburtenrückgang auch die Wirtschaft: Denn wo „doppelt verdient wird und gleichzeitig für weniger Kinder angeschafft werden muss, da kann gespart werden, liegen hochwertige Konsumgüter gut im Rennen“. Der Bielefelder Soziologe Franz-Xaver Kaufmann mahnte damals, dass „Bevölkerungsstagnation“ bisher immer mit „einem Rückgang auch der wirtschaftlichen Aktivität, der politischen Bedeutung ... und des Wohlstandes“ einhergegangen wäre. Doch jetzt würden – so spekulierte der SPIEGEL – „womöglich erstmals Gesetze außer Kraft geraten, die gerade noch als unumstößlich galten“. Weniger Deutsche, so wurde Schubnell als Verkünder eines „neuen Optimismus“ zitiert, bedeuteten die Chance, „mit schwierigen Problemen des gesellschaftlichen und sozialen Lebens und der Umweltsituation leichter fertig zu werden“ (3).
Späte Einsichten? Die Angst vor dem „gerassic parc“ und der Ruf nach „Vereinbarkeit“
Im Gegensatz zu solch idyllischen Sichtweisen wiesen Bevölkerungsökonomen schon damals darauf hin, dass Kinder „nicht nur Konsumenten, sondern zugleich potentielle Produzenten und damit Garanten künftiger Wirtschaftskraft" sind. Volkswirtschaftlich betrachtet seien Erziehungskosten deshalb Investitionen in das Humankapital – ein Produktionsfaktor dessen Bedeutung in modernen Volkswirtschaften ständig wachse. Der Aufwand für die Erziehung von Kindern sei deshalb kein beliebiger Konsum, sondern diene auch dem Wohlergehen der älteren, nicht mehr erwerbstätigen Generation. Bereits damals war bekannt, dass das Verhältnis zwischen der erwerbstätigen Bevölkerung und der zu versorgenden jüngeren und älteren Generation bei einer Geburtenrate um 2 Kinder pro Frau optimal ist. In Deutschland lag damals die Geburtenrate bereits weit unter diesem Niveau.
Ein Geburtenrückgang diesen Ausmaßes erfordere „vermehrten Ausbildungsaufwand und höhere Kapitalinvestitionen, wenn der Ausfall an jugendlichen Nachwuchskräften später durch höhere Produktivität aufgewogen werden soll“. „Ihn als eine willkommene Chance für Einsparungen im Erziehungssektor zu nutzen, ist deshalb volkswirtschaftlich gefährlich“ mahnte die Ökonomin Hilde Wander. Wenn „die Qualitätsreserven zu knapp“ würden, gefährde dies „Produktivität und Beschäftigungslage generell“. Bevölkerungsschrumpfung sei deshalb „kein geeigneter Weg“, um das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen. Auch dürfe man „in Einwanderung keinen bequemen Ausweg sehen“. Schließlich bräuchte man „ja vor allem qualifizierte Einwanderer, die auch in den Ländern mit Kräfteüberschuss nicht reichlich zur Verfügung stehen“. Sie müssten sich „leicht assimilieren und dieselben Bildungs- und Einkommenschancen wie die einheimische Bevölkerung haben“. Auch sei „zu bedenken, dass bei anhaltender Einwanderung der Anteil der Ausländer vor allem unter den jüngeren Erwachsenen rasch zunimmt, dass sie in einzelnen Altersklassen […] oder Gebietsteilen u. U. schnell die Majorität bilden“. Einwanderung dürfe deshalb „dringende bevölkerungs- und bildungspolitische Maßnahmen nur ergänzen, nicht aber ersetzen“ (4). Angesichts solcher Diagnosen bezeichnete Warnfried Dettling, enger Mitarbeiter des damaligen CDU-Generalsekretärs Heiner Geisler die Bevölkerungsentwicklung als eines der „Schlüsselprobleme" moderner Demokratien. „Wenn wir hier scheitern, werden Staat und Gesellschaft auch in anderen Bereichen weiter in die Krise treiben, nicht (nur) wegen einer dramatischen Bevölkerungsentwicklung, sondern wegen der Unfähigkeit von Politikern und Parteien, Parlamenten und Regierungen, auf die Herausforderungen der Zukunft aktiv- konstruktiv zu reagieren" (5).
Mehr als 20 Jahre später waren solche Einsichten auch in Hamburger Redaktionsstuben vorgedrungen: „Die Baby-Lücke – Geburtenrückgang mit dramatischen Folgen: Vergreisung, Rentenkrise, Explosion der Gesundheitskosten“ titelte der SPIEGEL im August 1999. Nun hieß es: „Die Deutschen werden immer älter – und es werden immer weniger. Rentner-Republik Deutschland? Die Jungen sind jedenfalls bald in der Minderheit, und die Arbeitenden tragen eine immer größere Last. Bei weiter zunehmender Lebenserwartung muss schon vor Mitte des nächsten Jahrhunderts ein Arbeitender einen Rentner versorgen. Dass die Bevölkerung einerseits schrumpft und andererseits altert, ist gewiss. In 30 Jahren werden die Industrienationen mindestens 9 bis 16 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts zusätzlich ausgeben müssen, um die Rentenansprüche ihrer Senioren zu befriedigen. […] Wer soll das bezahlen? Eine Steuererhöhung in solchen Dimensionen ist undenkbar. Das Geld zu leihen wäre jedoch ebenso gefährlich: Die gewaltigen Kapitalbewegungen könnten die globalen Finanzmärkte destabilisieren, Wechselkurse und Zinsen in Mitleidenschaft ziehen - am Ende könnte die Baby-Baisse zu einem globalen Börsen-Crash führen. Die Rentenfrage allein ist fast schon unlösbar, hinzu kommen Probleme, über die bislang kaum diskutiert wird: Kann eine Volkswirtschaft überhaupt funktionieren, wenn es an Nachwuchs mangelt? Wird nicht zwangsläufig die Innovationskraft und damit die Wettbewerbsfähigkeit sinken? Und wie wird eine Gesellschaft aussehen, in der die Jungen zahlen und die Alten, qua Mehrheit, bestimmen?“. Wissenschaftler sähen im fehlenden Nachwuchs eine der größten Gefahren der kommenden Jahrzehnte nicht nur in Deutschland – eine „chronische, weltweite Wirtschaftskrise“ drohe. Die Politiker jedoch dächten nur in Vier-Jahres-Etappen“ und die Warnungen der „Köpfezähler in den Universitäten und Instituten“ würden „souverän ignoriert“. Als Warner zitierte der SPIEGEL einen Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft: "Wenn wir so weitermachen wie bisher, landen wir in einer Abwärtsspirale, und Deutschland zählt anschließend in Europa zu den verlassenen Regionen" (6). Als „Horror-Visionen“ hatte der SPIEGEL einst Warnungen der bayerischen Landesstatistiker vor den "schwerwiegenden“ Folgen des Geburtenrückgangs „für die Sozialpolitik und die Raumordnungspolitik" disqualifiziert.
„Eine graue Revolution verwandelt die Republik allmählich in einen Gerassic Park, in dem jeweils ein Berufstätiger für einen Rentner aufkommen muss“, war 2004 im SPIEGEL unter dem Titel „Land ohne Lachen“ zu lesen. Die Gerontokratie erschien nun nicht mehr als „Spuk“, sondern als bedrohlich nahes demographisches Schicksal der Deutschen. Ähnlich dramatisch hätte „sich das Land, abgesehen vom Zweiten Weltkrieg, zuletzt während der Pestepidemien des Mittelalters verändert“. Dennoch habe Bevölkerungspolitik „kaum je auf der Tagesordnung“ gestanden, denn „schon das Wort erinnerte peinlich an Adolf Hitler und die Mutterkreuze“. Dabei sah die damalige CDU/CSU-Opposition bereits in den 1970er Jahren im Geburtenrückgang einen „Anlass zu größter Besorgnis" und forderte von der SPD-FDP geführten Bundesregierung Gegenmaßnahmen. Das Bundeskanzleramt schätzte dagegen den Geburtenrückgang „eher positiv als negativ“ ein und warf der Opposition „völkisches Denken“ und „Angst vor dem Individualismus“ vor (7). Ganz in diesem Sinne insinuierte der SPIEGEL damals, dass nur „Nationalisten“ den Jugendschwund als „völkische Katastrophe begreinen“ würden.
"Unsere Pänz wollen selbst keine Pänz mehr" erklärte im SPIEGEL damals ein Kölner Prokurist. Dass die Kinder keine Kinder mehr wollen, galt als Ausdruck von Modernität und Fortschritt: „Was immer selbstverständlich war, nämlich Kinder zu haben, ist für viele keineswegs mehr die schicksalhaft akzeptierte, quasi naturnotwendige Lebensbestimmung“. In Zeiten enttabuisierter Familienplanung könnten Paare nun frei über ihre Kinderzahl entscheiden. "Wir haben uns auf die beiden ersten Kinder gefreut, die waren gewünscht und eingeplant; aber nun wäre es schön, wenn mir für meinen Mann etwas mehr Freizeit bliebe" – so begründete die Ehefrau eines Geschäftsführers die Entscheidung ihre dritte Schwangerschaft abbrechen zu lassen. Manche verzichteten von vornherein auf Kinder, weil sie sonst – wie eine hannoversche Sekretärin erklärte – „das ganze Leben ändern müssten“. Ein Hamburger Ehemann begründete den Verzicht auf Kinder folgendermaßen: „Die schönen Stunden, die man mit einem Kind verlebt, machen fünf Prozent aus, die restlichen 95 Prozent sind nichts als Sorge, Ärger, Verzicht“.
Über die persönlichen Motive hinaus ging der SPIEGEL auch auf die historisch-soziologischen Hintergründe des Kinderschwundes ein: In einer modernen Gesellschaft seien Kinder längst „nicht mehr existenznotwendig“. „Der Arbeitnehmer von heute, Zwangsmitglied von Kranken- und Altersversicherungen“, könne sich das Desinteresse an Nachwuchs leisten, „ohne fürchten zu müssen, am Lebensabend unversorgt zu sein“. In Agrargesellschaften nehme der Nachwuchs Arbeit ab und unterhalte später die Altenteiler. In Industrieländern seien Kinder dagegen "nutzlose Fresser", wurde der Soziologe Gunnar Heinsohn zitiert. Statt für die Eltern von Nutzen zu sein, könnten sich Kinder „leicht als Konsumbremse und Karrierehindernis auswirken“. Seit „immer mehr Frauen es nicht mehr für ihre Bestimmung halten, zeitlebens das Heim zu hüten, sondern Bestätigung und Betätigung vorwiegend im Berufsleben suchen“, beeinträchtigten Kinder ihre Konkurrenzfähigkeit. Auch Kindergeld, Erziehungsgeld oder mehr Kindergärten könnten dies nicht grundlegend ändern: Denn damit würde das Konkurrenzrisiko der Frauen ja nur gemindert, nicht aber für ihr ganzes Leben aufgehoben" erklärte Heinsohn seine Skepsis gegenüber der Familienförderung. Für ihre Eltern seien Kinder – dies war die Botschaft des SPIEGELS – „Fehlinvestitionen“, „Planungspannen“ oder bestenfalls „gewollter Luxus“ (8).
Mit dem landläufig Pillenknick genannten Geburtenrückgang befasste sich damals nicht nur der SPIEGEL: „In den späten 1970er Jahren war das Medienecho auf Geburtenrückgang und Alterung der deutschen Bevölkerung gewaltig“, erinnert sich Charlotte Höhn, langjährige Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. „Ein Ruf nach politischen Maßnahmen erscholl in den Medien freilich nicht. … Alles, was im Entferntesten nach Bevölkerungspolitik „roch“, wurde in den Medien entschieden abgelehnt. Das galt vor allem für die Förderung der Hausfrau und Mutter oder die Besteuerung der Kinderlosen“. In der gesellschaftspolitischen Diskussion standen Ehe und Familie „unter Beschuss als Ort der Unterdrückung der Frau“. Gegenüber der Emanzipation durch Erwerbstätigkeit, galt ihre Vereinbarkeit mit der Familie als nachrangig: „Forderungen nach mehr Kindergärten und Kinderkrippen oder gar Ganztagsschulen wurden kaum erhoben“ (9). „Wir haben 15 bis 20 Jahre geschlampt“ zitierte der SPIEGEL 2004 eine „Führungskraft“ aus dem Bundesfamilienministerium. Als „weiches Weiberthema" sei „Familienpolitik von Männern aller Parteien lange Zeit verspottet worden“ kritisierten nun die Redakteure. Ins Blickfeld der Medien rückte die Geburtenfrage freilich auch erst um die Jahrtausendwende als die Gefahren der Alterung für die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr länger verdrängt werden konnten. Zugleich erweckte die Angst vor einem drohenden Fachkräftemangel das Interesse an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Mütter sollen seitdem als „Reserve“ für den Arbeitsmarkt aktiviert werden und ihre Kinder deshalb (ganztägig) „professionell“ fremdbetreuen lassen. Dies ist das Ziel der „nachhaltigen Familienpolitik“ mit ihren Meilensteinen Elterngeld und Krippenoffensive. Ob diese Politik den Wunsch nach Kindern fördert, bleibt zweifelhaft: Denn längst haben sich in der deutschen Bevölkerung Gruppen mit „ausgeprägt individualistischen Orientierungen“ etabliert, die „familienpolitisch nur schwer erreichbar“ sind (10). Damit sich die Deutschen nicht immer weiter „kurz und klein schrumpfen“ wären neue Einstellungen erforderlich, die nicht nur Karriere und Konsum, sondern auch das Leben mit Kindern und mit der älteren Generation in der Familie wertschätzen (11). Solche Wertschätzung zu fördern, scheint der „Bewusstseinsindustrie“ jedoch so fern zu liegen wie zu den Zeiten als der Nachwuchsschwund eben erst begonnen hatte.
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(1) Siehe: Susanne Gaschke: Wovor habt ihr Angst? Mit Geld allein lässt sich die Geburtenrate nicht noch oben treiben, in: DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21; Yasmin El Sharif: Warum das Elterngeld doch ein Erfolg ist, SPIEGELONLINE vom 11. Juni 2010.
(2) Joche Bölsche et al: Land ohne Lachen, in: DER SPIEGEL 2/2004, .
(3) N.N: Die Kinder wollen keine Kinder mehr, DER SPIEGEL 13/1975 vom 24.3.1975.
(4) Siehe: Hilde Wander: Die Folgen des Geburtenrückgangs für Wirtschaft und Beschäftigungssystem, S. 97-106, in: Warnfried Dettling (Hrsg.): Schrumpfende Bevölkerung - Wachsende Probleme? München 1978, S. 101-103.
(5) Siehe: Warnfried Dettling: Schrumpfende Bevölkerung - wachsende Probleme? Zu diesem Band, S. 9-36, in: Schrumpfende Bevölkerung, S. 36.
(6) Heiko Martens et al: Der Kindercrash, in: DER SPIEGEL 35/1999.
(7) Siehe hierzu: Rückblende: Als die CDU sich noch Sorgen machte um die Zukunft
(8) N.N: Die Kinder wollen keine Kinder mehr, in: DER SPIEGEL 13/1975 vom 24.3.1975.
(9) Siehe: Charlotte Höhn: Bevölkerungsforschung und demographischer Wandel - zur politischen Würdigung der Demographie seit den 1970er Jahren, S. 73-98, in: Festschrift für Prof. em. Dr. Rainer Mackensen - Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 1-2/2007, Wiesbaden 2007, S. 79-80.
(10) Jürgen Dorbritz: Demographische Trends und Hauptergebnisse der deutschen Population Policy Acceptance Study (PPAS), S. 315-361, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 3-4/2004, S. 355.
(11) Siehe: Charlotte Höhn: Bevölkerungsforschung und demographischer Wandel, op. cit. S. 91.
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