„Warum so deprimiert?”
Ist unsere heutige Kultur der Nährboden für eine künftige Epidemie von Depressionskrankheiten? - Die Frage, die einem Menschen, der an Depressionen leidet, wohl am Wenigsten hilft, ist: „Warum bist du eigentlich deprimiert?" Und doch macht diese Frage Sinn. Nach Erhebungen der Welt-Gesundheits-Organisation ist Depression mit Abstand die Nr. 1 des YLD –Index (Years lived with Disability), und Nr. 4 des DALY –Index, (Disability-Adjusted Life Year), der behinderungsbereinigten Lebensjahre, das ist die Anzahl an Jahren, um die sich die statistische Lebenserwartung durch frühen Tod und Verlust an Produktivität auf Grund von Behinderungen reduziert.
von Zac Alstin
---
Rätselhaftes Phänomen „Depression“
„Depression“ ist kein exakt definierbarer Zustand. Der Begriff steht vielmehr symptomatisch für eine komplexe Gemengelage von körperlichen und psychischen Beschwerden. Für die Betroffenen liegen die Ursachen meist im Dunkeln, was diese elende körperliche Verfassung mit einem Mysterium umgibt. Wie bei Churchill's Black Dog, erfasst uns Unbehagen beim Erleben dieser nicht fassbaren Beschwerden, die nach ihrer eigenen Logik kommen und wieder verschwinden.
Die Frage, warum wir solche Depressionen durchleben, ist in der Tat bedeutungsvoll, nicht nur bei der Suche nach Heilung und Linderung, sondern auch in Bezug auf Wahrnehmung und Kontrolle des Zustandes durch die Betroffenen. Zumindest sollte das Wissen um die Auslöser von Depressionen deren Rätselhaftigkeit und Einfluss in Grenzen halten. Wir neigen dazu, Depressionen als ein neuzeitliches Phänomen anzusehen und suchen deshalb nach modernen Behandlungsmethoden.
Was weiß Thomas von Aquin über die Depression?
Doch wäre es sicher -unbeschadet der Suche nach bester medizinischer und psychologischer Versorgung- weder abwegig noch schädlich, sich mit vormodernen Gedanken zur Natur von Depressionen zu befassen. Dabei sind Gedanken und Motive von Thomas von Aquin, dem großen Philosophen des 13. Jahrhunderts für mich von besonderem Interesse.
Wir wollen einmal sehen, was der "Stumme Ohse"über den „Black Dog“ zu sagen hat. Es mag erstaunlich klingen, dass Thomas von Aquin bereits zu seinen Lebzeiten, im 13. Jahrhundert, mit der Depression vertraut war, die, sinngleich, im Lateinischen aggravatio, Beschwernis, oder Niedergeschlagenheit genannt wird:
„Eine deprimierte Seele ist nicht fähig, sich frei zu öffnen, sie zieht sich zurück und schließt sich ein“
Der Aquinate nahm nicht nur Depressionen wahr, sondern analysierte sie auch:
„Die Leidenschaften der Seele werden gelegentlich metaphorisch beschrieben .... Inbrunst kennzeichnet Liebe, Entfaltung das Vergnügen und Depression die Sorge. Man sagt, jemand sei deprimiert, wenn ihn Sorgen bedrücken.“
Von Anfang an pointiert Thomas von Aquin mit einer Schärfe, die man in heutigen Diskussionen über das Thema vergeblich sucht. Er stellt heraus, dass der Begriff Depression nur metaphorisch zur Beschreibung menschlicher Befindlichkeit verwandt wird. Im Lateinischen steht das Verb „deprimere“ für herunterdrücken. Ein deprimierter Mensch fühlt sich also gleichsam durch eine Last niedergedrückt.
Thomas erklärt uns, dass die psychologische Realität, die der Metapher zu Grunde liegt, in der Tat die Sorge ist. Diese Feststellung führt die Diskussion vom eher mysteriösen Begriff Depression zur vertrauteren Bezeichnung "Sorge".
Aquin beschreibt die Sorge:
„Sorge wird durch ein bestehendes Übel hervorgerufen. Dieses Übel ist dem Gewissen widerwärtig, und beschwert die Seele insofern, als dass es sie hindert, sich dessen zu erfreuen, was sie ganz genießen möchte.“
Hier ist hervorzuheben, dass der Aquinate mit dem Begriff Übel ganz allgemein etwas gegen das Gute Gerichtete bezeichnet. Dies schließt körperliche Versehrtheit, also Verletzung und Krankheit ebenso ein, wie moralische Missstände, oder andere schlimme Vorkommnisse, wie Unglücksfälle, Konkurse oder Misserfolge. Für Thomas sind Sorgen unsere natürliche Reaktion auf ein Übel oder eine Krankheit, und die Schwere unserer Sorgen steht in Beziehung zu unserer Hoffnung, dieses Übel zu vermeiden, oder überwinden zu können. So schreibt er:
„Ist jedoch ein Übel so bedrohlich, dass alle Hoffnung, ihm zu entgehen, schwinden muss, wird der Bewegungsspielraum der bedrängten Seele soweit beengt, dass sie keinen Ausweg mehr findet. Oft wird auch die körperliche Beweglichkeit hierdurch soweit eingeschränkt, dass der Mensch wie gelähmt erscheint.“
Depression ist die Folge von Sorge, und Sorge die natürliche Reaktion auf eine Bedrohung. Je stärker diese wirkt, umso geringer ist unsere Hoffnung, ihr zu entgehen und umso größer unsere Sorge und Niedergeschlagenheit. Das Problem in vielen Fällen von Depression ist jedoch in unserer heutigen Zeit, dass wir – weder als Gesellschaft, noch als Individuum – uns der Ursachen des Übels in unserem Leben bewusst sind, was geradezu charakteristisch für viele Depressionskrankheiten ist.
Bedeutet dies, dass Aquins Beschreibungen für „moderne“ Depressionen nicht gültig sind, oder nehmen wir die Übel, die er beschreibt einfach nicht wahr?
Ein erfülltes Leben verhindert Depressionen
Als langjähriger Ethiker bin ich mit denen einig, die den Verdacht haben, dass ein „moderner Lebensstil“ nicht unbedingt das Glück des Menschen verbürgt, und dass wir in der Tat oft nicht wahrnehmen, auf welche Weise dieser uns Schaden zufügen kann. Nachdem wir ein klares Verständnis von „gut“ und „böse“, das uns unsere Vorfahren überlieferten, dem Zeitgeist geopfert haben, stehen wir vor der Frage, wo und wie die notwendigen „Ingredienzien“ für ein erfülltes und glückliches Leben wieder für uns zu finden sind? Wie können wir die Defizite unseres Lebensstils benennen, ohne uns objektiv klar zu machen, was uns erfüllen sollte? Wenn uns die Sprachlosigkeit im Kontext von Ethik klar geworden ist, werden uns ihre Auswirkungen auf andere Lebensbereiche nicht verwundern.
Führen wir uns doch einmal die Güter vor Augen, von denen die Ethik uns sagt, dass sie zu einem erfüllten menschlichen Leben gehören: das Leben selbst (Gesundheit, Essen, Trinken, Behausung, Bekleidung und Mobilität), Freundschaften, Familie, Arbeit, Erholung, Ehe, Kinder, Kenntnis der Wahrheit, Wertschätzung von Schönheit, Wahrhaftigkeit, Respekt anderen gegenüber, Nächstenliebe und auch religiöser Glaube und seine Ausübung. Alle diese Güter, und die Liste ist keinesfalls komplett, haben sich als unabdingbar und unersetzlich für ein glückliches Leben durch die Geschichte der Menschheit bewährt.
Wollen wir nun weiter der Depressionsanalyse des Thomas von Aquin zu ihren logischen Schlüssen folgen, so sollten wir uns fragen, wie gut und wie echt jedes dieser Güter in unser eigenes Leben eingebettet ist. Die heutigen Therapien, mit denen man Depressionen beikommen möchte, folgen diesem Ansatz, seien es nun Maßnahmen zur Verbesserung von Schlafqualität, bewusste Ernährung, körperliches Training, Pflege von Freundschaften, oder psychologische Behandlungen, wie die Kognitive Therapie, die bei der Korrektur falscher und irrationaler Einstellungen hilft.
Aquin unterstützt diese Methoden, wenn er ausführt: „Jede Freude bringt Erleichterung und lindert die Sorgen, egal, welche Ursache sie haben mögen.“
Es ist wichtig festzustellen, dass Aquin die Freude als Genuss eines Gutes definiert, ein gewaltiger Unterschied zum modernen Verständnis von Freude als Spaß um seiner selbst willen. Für Aquin folgt, dass die Erfahrung von Freundschaft eine große Freude schenkt, die Sorge und Depression vermindert.
„Wenn jemand leidet, ist es natürlich, dass das Mitgefühl eines Freundes ihm Trost spendet.“
Thomas empfiehlt auch Schlaf und Bäder zur Erleichterung und stellt fest:
„Was immer der körperlichen Natur zu einer besseren Vitalität verhilft, steht der Sorge entgegen und lindert die Beschwerden.“
Seine Befürwortung von Arzneimitteln für den Körper kann man durchaus als Empfehlung für bestimmte Antidepressiva lesen, die helfen, normale Funktionen wiederherzustellen:
„Solche Arzneien sind Ursache der Freude, wenn sie der Natur wieder zum Gleichgewicht verhelfen; denn genau darin besteht die Freude. Da nun Freude die Sorgen lindert, werden Sorgen auch durch Medikamente gelindert.“
Wahrheitsverlust und Depression
Der Aquinate sieht in der Betrachtung der Wahrheit die höchste Form von Freude:
„Die höchste Freude liegt in der Betrachtung der Wahrheit. Ich sagte schon, dass jede Freude Schmerzen lindert: so lindert auch die Betrachtung der Wahrheit Schmerz und Sorgen, und zwar umso mehr, je mehr jemand die Weisheit liebt. Deshalb kann der Mensch sich, inmitten aller Verwirrungen, durch Betrachtung der göttlichen Dinge und der künftigen Seligkeit freuen.“
Es fällt schwer, den letzten Absatz zu lesen, ohne sofort an den Stellenwert von „Wahrheit“ in unserer heutigen, westlichen Kultur zu denken. Viele Formen von Depression haben eine physische Komponente und reagieren gut auf medikamentöse Behandlung. Doch kommen weitere Faktoren ins Spiel, wenn wir eine Epidemie zu gewärtigen haben.
Wenn die Betrachtung der Wahrheit sowohl unsere größte Freude, als auch Allheilmittel gegen Sorgen und Depression ist, wird uns das ausufernde Wachstum von Depressionen in unserer Gesellschaft nicht überraschen, da sie das „Prinzip Wahrheit“ verlassen hat und diese nur noch mit einigen pragmatischen Bereichen, wie Gesetz, Finanzen und Naturwissenschaften assoziiert.
Mit Freundschaft können wir uns „befreunden“, ein besserer Schlaf und Baderituale befeuern keine Kontroversen. Aber Wahrheit? „Was ist Wahrheit?“, diese Frage wurde schon einmal vor zweitausend Jahren gestellt ...
Es ist wohl unwahrscheinlich, dass die Betrachtung der Wahrheit und anderer fundamentaler Güter als Therapie für depressive Krankheitsbilder akzeptiert wird, es sei denn, man kann sie in Tablettenform kaufen, oder man findet sie irgendwann in randomisierten Tests. Doch wie werden wir sonst eine Lösung für die rätselhaften Erscheinungsformen von Depression in der Überflussgesellschaft des 21. Jahrhunderts finden?
---
Zac Alstin arbeitet am Southern Cross Bioethics Institute in Adelaide, Australien.
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

