Rasender Stillstand
Die Achsen von Schleswig-Holstein bis Bayern und von Nordrhein-Westfalen bis Brandenburg bilden ein Kreuz schulpolitischer Bitternis, von der inzwischen sämtliche Landesregierungen erfasst wurden; aus Angst vor dem Frust der Wähler erzittern unsere Politiker, sobald das Thema Bildung erwähnt wird, denn mit bildungspolitischen Themen kann keine Wahl mehr gewonnen werden. Der Vertrauensverlust im Hinblick auf die aktuelle Schulpolitik ist übermächtig, die dunkle Ahnung, dass sich im Zuge zahlreicher Reformen die Lage sogar verschlechtert hat, ist zur Gewissheit geworden. Hoffnungslosigkeit breitet sich aus und die Tasten der Journalisten kreisen immer wieder um dieselbe Frage: «Woran krankt die Bildungspolitik?»
von Markus Rüther
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(Bild: Girls Day 2007 Teilnehmerinnen besuchen Minister Michael Breuer - nrw Bilddatenbank)
Machtdenken triumphiert über Sachverstand
Fundamentalkritik und immer neue Reformschnellschüsse sind an die Stelle von Verlässlichkeit, Kontinuität und behutsamer Fortentwicklung getreten. Im Zuge der Föderalismusreform hat sich die Bildungspolitik zu einem «chaotischen Experimentierfeld der Landespolitik entwickelt», wie es in einem Statement des deutschen Philologenverbandes heißt: «Anstatt vor Reformen ergebnisoffene Modellversuche durchzuführen und zu bewerten, degradiert so manches schulpolitische Reformpaket, das qua Gesetz zum Erfolg verdammt ist, die Kinder zu Versuchskaninchen.» Fachgerechte Bewertungen werden am Ende auch nicht vorgenommen, denn die Politik kann mit dem Risiko, einen Irrtum eingestehen zu müssen, nicht mehr leben – Machtdenken triumphiert über Sachverstand. Weder die Effizienz des Fremdsprachenunterrichts an Grundschulen oder die Effekte der Rechtschreibreform noch die Auswirkungen der Schulzeitverkürzung oder die Konsequenzen der Einführung gestufter Studiengänge im Bereich der Lehrerbildung wurden bislang wissenschaftlich untersucht.
Einflussnahme von außen
Bildungspolitiker haben die Führungsrolle bei Bildungsfragen verloren. Viele Eingriffe in die Schulpolitik der vergangenen Jahrzehnte gingen nicht auf Ratschläge von Bildungsexperten zurück, sondern kamen, wie der deutsche Philologenverband feststellt, aufgrund der Einflussnahme von außen zustande. So ist die Schulzeitverkürzung vorrangig auf Druck der Wirtschaft realisiert worden. Doch wenn ökonomische Erwägungen vor dem Sachverstand von Fachleuten rangieren, geht es nicht mehr um die beste Bildungspolitik, «sondern um das Rechtbehalten und die Ausschaltung unliebsamer Kritiker.» Zu Recht weist der Philologenverband auf die Mitverantwortung der Medien hin, die sich «in der Folge von PISA in ihrer Mehrzahl einem Trend verschrieben haben, wonach deutsche Schulen schlecht und sozial ungerecht sind und jede Änderung besser ist als das Bestehende. Ausgesetzt einem immer härteren Konkurrenzkampf versuchen Medien mit Skandalen und Negativschlagzeilen zu punkten und sich an die Spitze der schnell wechselnden Protestwogen zu setzen.» Im Sog dieser wahnhaften Prozesse bleiben nicht nur das Informationsbedürfnis der Bürger und die faire Berichterstattung auf der Strecke, sondern vor allem das Wohl unserer Kinder.
O-Ton Deutschland
Eine betroffene Mutter schrieb unlängst in der Tageszeitung DIE WELT: «Ich kenne sogar Mütter, die ihren Job aufgegeben haben, als ihr Kind in die dritte Klasse kam. Nur damit sie jeden Nachmittag Zeit haben, um mit dem Kind zu pauken und die Hausaufgaben zu überwachen. Aber was ist denn, wenn es nicht klappt? Dann steht mein Kind ohne Gymnasiumsplatz da und ich auch noch ohne Job … Der Kampf ums Gymnasium wird von Jahr zu Jahr härter, weil es immer mehr Eltern sind, die ihre Kinder bereits früher aufs Gymnasium schicken wollen und den Bildungsweg ihrer Kinder selbst in die Hand nehmen. Das sagt viel über das Schulsystem aus und wie unzufrieden die Eltern darüber sind. Ein Freund meines Sohnes kann sich schon seit Weihnachten nicht mehr verabreden, weil er fast jeden Nachmittag Mathe paukt oder Aufsätze schreibt, um die Prüfung zu bestehen. Eine Freundin, deren Tochter letztes Jahr den Bewerbungsmarathon hinter sich gebracht hat, erzählte mir von schrecklichen Szenen: Kinder haben vor lauter Verzweiflung ihre Stirn auf die Tischplatte geschlagen, weil sie mit den Aufgaben nicht zurechtkamen. Im Foyer der Schule tummelten sich Hunderte angespannter Eltern, die ihre herausgeputzten Kinder vor sich herschoben und noch kurz vor dem Prüfungsraum Anweisungen gaben.»
Diktat einer auf Noten fixierten Lernkultur
«Obwohl Noten wenig über individuelle Leistungsfortschritte eines Schülers aussagen, hängt alles von ihnen ab», kritisierte kürzlich der Präsident des Bayerischen Lehrerverbandes Klaus Wenzel anlässlich der Zeugnisausgabe. Die Praxis der Notenvergabe muss überdacht werden, Schlüsselkompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt zählen, sollten bei der Bewertung eine größere Rolle spielen. «Die Fixierung auf Ziffernnoten wird modernen Ansprüchen jedenfalls nicht mehr gerecht. Viele Lehrerinnen und Lehrer leiden unter dem Diktat einer auf Noten und Berechtigungen fixierten Lernkultur – genauso wie ihre Schüler. Eltern und Lehrer können nur gemeinsam an die Politik appellieren, umzudenken. Nicht Auslese und Ausgrenzung stehen im Mittelpunkt einer zeitgemäßen Schul- und Bildungspolitik, sondern Integration, Unterstützung und individuelle Förderung aller Kinder», betont Wenzel. Schöne Worte. Doch warum werden sie von der Politik nicht erhört? Gibt es, von den gängigen Erklärungsmodellen abgesehen, Deutungen, die konsequenter nach den Ursachen suchen, Zusammenhänge tiefgründiger analysieren und den Sachverhält auf einer höheren Ebene beleuchten?
Antwort: Philosophie
In seinem berühmten Standardwerk zur Einführung in das philosophische Denken spricht Volkmann-Schluck von einer «Wesensherrschaft des Willens über die Natur» [und damit auch über die Natur des Menschen – Anm. des Verf.]: «Was der Wille will, ist dieses, daß sein Befehl überall und jederzeit zum Vollzug gelangt ... Die Befehlsgewalt des Willens würde aber beeinträchtigt, ja im Grunde aufgehoben, wenn letzte vorgegebene Ziele sein Wollen bestimmen würden. Der Wille, der zuerst und zuletzt die Sicherung seiner Befehlsgewalt will, läßt keine vorgegebenen und letzten Ziele mehr zu, die ihn binden und begrenzen würden. Also kann der Wille nicht von Zielen her verstanden werden, sondern umgekehrt: Ziele werden jeweils angesetzt im Dienst der Befehlsgewalt des Willens. Aber sie sind nur von relativer Dauer, da der Wille sich vorbehält, jeweils neue und andere Ziele im Dienste seiner Befehlsherrschaft zu setzen … Die Wesensherrschaft des Willens beseitigt im Grunde die Ziele als Ziele, sie ist in sich die Ausbreitung der Ziellosigkeit selbst. Ja, die Einrichtung der Ziellosigkeit innerhalb der Welt ist eine elementare Bedingung seiner [Satans – Anm. d. Verf.] Herrschaft ... Die Machtsteigerung des Willens läßt eine zunehmende Sinnlosigkeit aufkommen ... und die Willensherrschaft richtet sich in der Welt durch den Kampf des Willens gegen den Willen ein. Dieser Kampf, der die Willensgestalten dazu zwingt, ihre Macht zu steigern, steigert die Willensherrschaft als solche. Deshalb kommt bei all diesen Kämpfen auch nichts heraus als neue und gesteigerte Kämpfe auf neuen Ebenen mit neuen Mitteln. »
Martin Heidegger: Nur mit Gott
In einem Zeitalter der «Weltmacht», einer «dürftigen Zeit», in dem die «Heimatlosigkeit des Menschen hinsichtlich seines Wesens» durch die «Eroberung der Erde als eines Planeten und den Ausgriff in den kosmischen Raum ersetzt wird», appellierte Heidegger an die «Frömmigkeit des Denkens» (SPIEGEL 20/1972) und erklärte in dem erst 1976 veröffentlichten SPIEGEL-Gespräch am 23. September 1966.: «Nur ein Gott kann uns retten.» Volkmann-Schluck: «Die Aufhebung aller Ziele, die Einrichtung und Ausbreitung einer allgemeinen Ziellosigkeit, muß vom Willen verdeckt werden, weil bei erkannter und eingestandener Ziellosigkeit das menschliche Wollen erlahmen würde … Der Wille muß daher die sich ausbreitende Ziellosigkeit verschleiern. Das besorgen die Weltanschauungen, die eben darum wahrheitslos sein müssen. Die Weltanschauungen [Parteitagsprogramme, Bundestagsreden, Ansprachen usw.] sind das eigentlich wahrheitslos Wirkende und Wirkliche.» Die Willensherrschaft ist die eigentliche Zukunftslosigkeit. «Denn was wirklich geschieht, ist nichts anderes als der Ordnungsvorgang selbst, das unaufhörliche Umstellen und neue Zusammenstellen von Menschen und Dingen im Dienste gesteigerter Machtordnungen. Dieser Vorgang geschieht in eine leere Zeit hinein, und das ist die Zukunftslosigkeit, die durch die unaufhörliche Beschleunigung des Prozesses verdeckt wird, während sich in Wahrheit immer nur das Gleiche wiederholt.» Deutschland, im März 2009. Soviel zur Bildungspolitik.
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