Bei „Big Brother“ zuschauen: Medienkonsum und Verantwortung
(ZENIT) Es geschieht nicht oft, dass seichte Unterhaltungssendungen Einfluss auf die Weltpolitik haben. Genau das geschah allerdings Mitte Januar in der britischen Sendung „Celebrity Big Brother“, in deren Verlauf der indische Filmstar Shilpa Shetty wiederholt von anderen Teilnehmern beleidigt wurde, insbesondere von Jade Goody, einem britischen Star von Reality-Shows im Fernsehen.
Die Peiniger von Shetty wurden innerhalb der Show angegriffen und des eklatanten Rassismus beschuldigt. Nachfolgende Beschimpfungen eskalierten derart, dass die Sendung auf einer Pressekonferenz zur Sprache kam, die der britische Finanzminister Gordon Brown während eines Besuchs in Indien gab.
Die Sendung war Gegenstand Zehntausender von Beschwerden an das britische „Office of Communications“, die von der britischen Regierung eingesetzte Medienbehörde, die auch unter der Bezeichnung „Ofcom“ bekannt ist. Die Einschaltquoten für die Show stiegen ebenfalls, und es gab Medienkommentatoren, die es für möglich hielten, dass die Organisatoren der Show die Konfrontation absichtlich inszeniert haben könnten, um der nachlassenden Popularität der Sendung entgegenzusteuern.
Im Kielwasser dieser Vorkommnisse wiesen Kommentatoren darauf hin, welch schlechtes Licht die Sendung auf die gegenwärtige Kultur werfe. „Verdummung ist ein Angriff auf alles, was wertvoll ist“, schrieb etwa Howard Jacobson am 20. Januar im „Independent“. Jade Goody sei vom Fernsehen ob ihrer an den Tag gelegten Ignoranz gefeiert und ermutigt worden.
Der irische „Independent“ beklagte am 22. Januar die Situation „Hunderttausender von jungen Frauen wie Jade Goody“, die „nie irgendwelche Maßstäbe für Bildung, Benehmen, Anstand und Ausdrucksweise kennen gelernt haben“. Eine Kultur, die Selbstbeherrschung als „Repression”, Disziplin als „autoritär“ und ordinäres Verhalten als „Ehrlichkeit” betrachte, habe zu einem Ausmaß an Vulgarität geführt, dass es bisher noch nie gegeben habe.
Paul Danahar von der BBC-Abteilung für Südasien stellte am 22. Januar Überlegungen darüber an, wie Großbritannien als ehemalige Kolonialmacht nun dastehe – zu einem Zeitpunkt, an dem Indien sich anschicke, den 60. Jahrestag seiner Unabhängigkeit zu feiern. Er schrieb: „Euer durchschnittlicher Englisch sprechende Inder (der in der Regel eine Privatschule besucht hat) ist weit gebildeter als euer durchschnittlicher Engländer.“
Nach dem Hinweis, dass es wahrscheinlich von dieser Kategorie von Indern mehr als Hundertmillionen gebe, kam Danahar zum Schluss, dass Briten, die sich Gedanken um die Zukunft machten, mehr über Leute wie Shilpa Shetty alarmiert sein sollten, die eine Vertreterin eines Aufgebots gebildeter Menschen sei, die für Großbritanniens einheimische Söhne und Töchter im Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt eine harte Konkurrenz darstellen würden.
Unkultur
Es ist nicht neu, dass Menschen um das Fernsehen und seine Inhalte in Sorge sind. Das beweist unter anderem ein offener Brief, der vom britischen „Telegraph“ am 12. September 2006 veröffentlicht wurde. Das Schreiben wurde von 110 Personen unterzeichnet, von Lehrern, Psychologen, Kinderbuchautoren und anderen Fachleuten.
Die Experten zeigten sich beunruhigt hinsichtlich einiger Probleme, die die Kinder betreffen, etwa hinsichtlich der Missstände im Erziehungssystem und der Fast-Food-Ernährung. Sie wiesen jedoch auch auf die Tatsache hin, dass Kinder durch die elektronischen Medien allzu häufig Inhalten ausgesetzt seien, „die noch in jüngster Vergangenheit als für Kinder ungeeignet betrachtet worden sind“. Außerdem stellten sie fest: „Tief beunruhigt hat uns der dramatische Anstieg von Depressionen im Kindesalter und von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern.“
Die Fachleute wiesen auch darauf hin, dass das Fernsehen als solches schädlich sei. Sie wiesen darauf hin, dass die Kinder, wenn sich ihr Gehirn gesund entwickeln solle, wirkliches Spielen bräuchten anstatt „Unterhaltung im Sitzen vor dem Bildschirm“. Und sie bräuchten zudem „Erfahrung der Welt aus erster Hand – Erfahrung einer Welt, in der sie leben – und regelmäßige Interaktion mit wirklichen Erwachsenen, die für ihr Leben wichtig sind“.
Die Internetbenutzung, die sich bei Kindern und Jugendlichen immer größere Beliebtheit erfreut, setzt diese leichter jener Form von rassistischer und kultureller Intoleranz aus, die für die Reality-Show „Celebrity Big Brother“ typisch ist: Brendesha Tynes weist in einem Artikel in dem „Handbook of Children, Culture, and Violence“ („Handbuch über Kinder, Kultur und Gewalt“), das vergangenes Jahr von Nancy Dowd, Dorothy Singer und Robin Wilson herausgegeben wurde, warnend darauf hin, dass eine „virtuelle Kultur“ des Rassismus im Entstehen begriffen sei.
In dem Artikel, der den Titel trägt: „Children, Adolescents, and the Culture of Online Hate“ („Kinder, Jugendliche und die Kultur des Online-Hasses“), berichtet sie davon, dass sich zu Hass anstachelnde Gruppierungen und Rassisten gezielt an Jugendliche richteten, indem sie sich in die Chatrooms und Diskussionsportale einklinkten, die von den Jugendlichen frequentiert werden. Rassistische Gruppen richteten Websites mit zweideutigen Namen ein und organisierten ihr Material so, dass es einem jungen Schüler oder Studenten, der Informationen sucht, glaubwürdig erscheine.
Kinder und Jugendlichen könnten durch die Interaktion und Anonymität der virtuellen Welt des Internets ihrerseits dazu ermutigt und angeregt werden, ihrer eigenen Intoleranz freien Lauf zu lassen, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen. Filterprogramme könnten zwar einige der extremeren Inhalte eliminieren, aber sie seien nur zum Teil effektiv, so Tynes.
Kultur und Ethik
Die Kirche warnt seit geraumer Zeit vor den Gefahren, die von den Medien ausgehen. Im Dekret >Inter Mirifica des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: „Die rechte Benutzung der sozialen Kommunikationsmittel setzt bei allen, die mit ihnen umgehen, die Kenntnis der Grundsätze sittlicher Wertordnung voraus und die Bereitschaft, sie auch auf diesem Gebiet zu verwirklichen.“ Die Leser, Hörer und Zuschauer der Medien, besonders die Jugendlichen, sollten sich im Gebrauch dieser sozialen Kommunikationsmittel an Zucht und Maß gewöhnen (vgl. Abschnitt 10).
Als das Dekret im Jahr 1963 erschien, konnte sich wohl noch niemand vorstellen, was uns das Internet und Fernsehsendungen wie „Big Brother“ bescheren würden. Umso verblüffender ist es daher, wie aktuell die Prinzipien sind, die in diesem Dokument angeführt werden.
Was die Beziehungen zwischen der „Freiheit der Kunst“ und den Normen des Sittengesetzes anbelangt, so betont das Konzil, dass „der Vorrang der objektiven sittlichen Ordnung in allem und für alle gilt“ (Abschnitt 6).
Weiterhin führt das Dekret aus, dass angesichts der starken öffentlichen Beachtung, die den Medien geschenkt wird, die Schilderung, Beschreibung oder Darstellung des sittlich Bösen auch einige positive Auswirkungen haben könne, insofern sie zur besseren Erkenntnis und Ergründung des Menschen beitrage. Mahnend wird allerdings angemerkt: „Auch sie [diese Darstellung] muss sich den ethischen Forderungen unterordnen, wenn sie nicht eher Schaden als Nutzen stiften will“. Da die öffentliche Meinung einen bestimmenden Einfluss ausübe, müssten alle Glieder der Gesellschaft „ihren Verpflichtungen zu Gerechtigkeit und Liebe auch in diesem Bereich nachkommen“ (Abschnitt 7).
Für die Leser, Zuschauer und Zuhörer gelte es, sich für das zu entscheiden, was sowohl ethisch wie künstlerisch wertvoll und wissenswert sei (vgl. Abschnitt 9) und dabei das abzulehnen, was geistigen Schaden anrichte, schlechtes Beispiel gebe oder schädlichen Einflüssen Vorschub leiste. Neben dem Rat, die Medien maßvoll zu nutzen empfiehlt das Dekret auch, dass junge Menschen „sich um ein tieferes Verständnis dessen bemühen sollen, was sie sehen hören und lesen“ (Abschnitt 10). Die Eltern aber, so wird bekräftigt, hätten die ernst zu nehmende Pflicht, ihre Kinder vor Schädlichem zu beschützen.
Fast vierzig Jahre später, im Jahr 2000, veröffentlichte der Päpstliche Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel das Dokument Ethik in der sozialen Kommunikation. Zu Beginn heißt es dort: „Sehr Wertvolles und sehr Schlimmes kann aus dem kommen, was die Menschen mit den Mitteln der sozialen Kommunikation machen.“
Zum Guten oder zum Schlechten
In den Augen der Kirche sind die Medien und die sozialen Kommunikationsmittel sowohl Früchte des menschlichen Geistes als auch Gaben Gottes. Daher stellen sie auch keine Macht dar, der man blind ergeben wäre, sondern etwas, was wir entweder zum Guten oder zum Schlechten nutzen können. Diejenigen, die diesbezüglich Entscheidungen zu treffen haben – die Inhaber von öffentlichen Ämter, Entscheidungsträger in der Politik, Geschäftsführer, Mitglieder von Regierungsorganen und nicht zuletzt die Konsumenten selber – sollten sich der Würde des Menschen verpflichtet fühlen, mahnt das Dokument des Päpstlichen Rates.
Eine ganze Reihe von Missbräuchen durch die Medien wird in dem Schreiben angeführt. In Abschnitt 16 werden Fehlentwicklungen im kulturellen Bereich und die gängige Popkultur angesprochen. Hinweisend auf die häufige Kritik an der Oberflächlichkeit und dem schlechten Geschmack der Medien, wird festgehalten: „Zu sagen, die Medien spiegeln die Standards des Publikums wider, ist keine Entschuldigung; denn die Medien haben ja (ihrerseits) einen mächtigen Einfluss auf dessen Maßstäbe und damit auch eine ernst zu nehmende Pflicht, diese Maßstäbe zu heben anstatt sie zu senken.“
Im vierten Kapitel empfiehlt der Päpstliche Rat einige wichtige ethische Kriterien, die bei Entscheidungen im Bereich der sozialen Kommunikation zu berücksichtigen sind. Das ethische Grundprinzip lautet: „Der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen sind Ziel und Maßstab für den Umgang mit den Medien. Kommunikation sollte von Mensch zu Mensch und zum Vorteil der Entwicklung des Menschen erfolgen“ (Abschnitt 21).
Ein weiteres wichtiges Kriterium ist das Gemeinwohl: Die Medien sollten nicht im Namen des Klassenkampfs, des übertriebenen Nationalismus oder der rassischen Überheblichkeit verschiedene Gruppen gegeneinander aufbringen (vgl. Abschnitt 22).
Auch wenn die Freiheit der Meinungsäußerung wichtig sei, so müssten doch auch andere Prinzipien wie Wahrheit, Fairness und Achtung vor der Privatsphäre eingehalten werden (vgl. Abschnitt 23).
Papst Benedikt XVI. rief in seiner kürzlich vorgelegten >Botschaft zum 41. Welttags der Sozialen Kommunikationsmittel (20. Mai 2007) die Medienbranche dazu auf, „die Produzenten anzuleiten und zu ermutigen, das Gemeinwohl zu schützen, die Wahrheit zu bekräftigen, die Menschenwürde jedes einzelnen zu verteidigen und die Achtung vor den Bedürfnissen der Familie zu fördern“. Und mit drastischen Worten ermahnte er sie, der Versuchung standzuhalten, auf ethische Standards zu verzichten.
„Jeder Trend, Programme – einschließlich Filme und Video-Spiele – zu produzieren, die im Namen der Unterhaltung Gewalt verherrlichen und antisoziales Verhalten oder die Banalisierung menschlicher Sexualität darstellen, ist eine Perversion – um so abstoßender, wenn diese Programme für Kinder oder Jugendliche gemacht werden. Wie kann man diese ‚Unterhaltung‘ den zahllosen jungen Menschen erklären, die unter Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch leiden? Diesbezüglich würde jeder gut daran tun, über den Gegensatz zwischen Christus – der ‚die Kinder in seine Arme nahm, ihnen die Hände auflegte und sie segnete‘ (Mk 10,16) – und demjenigen nachzudenken, der ,einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt‘ und für den es besser wäre, ;man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen‘ (Lk 17,2).“
Medienschaffende und Medienkonsumenten sind bei ihren Entscheidungen ethischen Prinzipien verpflichtet. Eine Pflicht, der leider allzu oft ausgewichen wird.
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