Internationale Bevölkerungspolitik – dreißig Jahre Betrug.
Die Demografen haben es nicht unterschätzt, vielmehr vorausgesagt. Nur wollten es die Politiker nicht hören. Weltbevölkerungskonferenzen sind keine wissenschaftlichen, sondern politische Versammlungen. Seit mehr als drei Jahrzehnten steht die Aufmerksamkeit auf die Bevölkerungsentwicklung bei uns im Schatten der Propaganda für eine internationale Bevölkerungspolitik: für Geburtenbeschränkung in Entwicklungsländern.
von Hans Thomas
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Als typisch „überbevölkert“ gilt Bangladesh. In den 1970er Jahren war vor allem von Indien die Rede. Es ist wahr, dass Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern bestehende Probleme verschärft. Ursache der Probleme ist es nicht. Es gibt genug Entwicklungsländer mit wachsender Bevölkerung und wachsendem Pro-Kopf-Einkommen. Und richtige Hungersnöte sind – abgesehen von Kriegs- oder Katastrophenfolge - nicht aus dichtbevölkerten, sondern stets aus dünn besiedelten Regionen berichtet worden. „Überbevölkert“ ist also immer relativ gemeint. Man könnte genau so gut sagen: „unterentwickelt“. Die Lösung heißt demnach Entwicklung. Zu den Kräften, die die Entwicklung antreiben, gehört nicht zuletzt der Bevölkerungsdruck.
Gelegentlich ist es gut, einmal ein altes Buch zu lesen. In Paderborn erschien 1920 unter dem Titel „Lebensbeherrschung und Lebensdienst“ das Werk eines gewissen J. Klug, das den wissenschaftlichen Stand und die öffentlichen Vorstellungen der Zeit spiegelt, auch in Sachen Bevölkerungsentwicklung. Auf Seite 278 des II. Bandes schreibt der Verfasser über den „Weißen Tod“. Im Gegensatz zum „schwarzen Tod“ der mittelalterlichen Pest und dem „roten Tod“ des I. Weltkrieges war mit dem „weißen Tod“ das „langsame Hinsterben der Völker infolge eines fortgesetzten Rückgangs der Geburtenziffer“ gemeint. In Deutschland gebaren um 1900 die Frauen durchschnittlich noch 5 Kinder. Aber schon ab 1920 waren die Kinderzahlen nicht mehr hinreichend, um die Elterngeneration zu ersetzen.
Als in England König Georg VI. am 3. März 1944 eine Kommission für Bevölkerungsfragen (Royal Commission on Population) berief, war der Grund die Sorge um den spektakulären Rückgang des Bevölkerungswachstums in England. Im 18. und 19. Jahrhundert hatte vor allem das schnelle Bevölkerungswachstum in Europa, so die Kommission, „die Ausdehnung europäischer Herrschaft über bewohnte tropische und subtropische Länder und deren Entwicklung zu Nahrungs- und Rohstofflieferanten ermöglicht.“ Eine politische Sorge: Inzwischen stagnierten in Europa die Bevölkerungen, während sie in den Kolonien ihr Wachstum beschleunigten.
Nach dem II. Weltkrieg wurden aus den Kolonien selbständige Entwicklungsländer. Infolge ihrer Entwicklung leben dort die Menschen länger. Ein Sieg über den vorzeitigen Tod. Ein Segen. Es sank die Sterblichkeit, insbesondere die hohe Kindersterblichkeit. Das war der Grund für das schnelle Bevölkerungswachstum in der „Dritten Welt“. Die Leute bekamen nicht mehr Kinder als vorher. Aber auch nicht – jedenfalls nicht sogleich - weniger. Nicht nur die Bevölkerungen der Entwicklungsländer, auch die Wachstumsraten nahmen von Jahr zu Jahr zu.
Die Industrieländer waren besorgt. Seit den 1960er Jahren standen die Stichwörter „Weltbevölkerung“, „Bevölkerungsexplosion“ und „Überbevölkerung“ auf der Agenda der Medien und der Politik. Horrorszenarien wurden ausgemalt, nach denen es demnächst darum gehen werde, noch einen Stehplatz auf unserem Planeten zu ergattern. In den 1970-80er Jahren fanden es selbst hierzulande nicht wenige Jungverheiratete unverantwortlich, heutzutage noch Kinder in die Welt zu setzen. Die internationale Politik bemühte sich um Geburtenkontrolle in den Entwicklungsländern.
Für die weltweite Zustimmung zu einer internationalen Bevölkerungspolitik wurden Abermilliarden Dollar ausgegeben: Werbeausgaben, die Ängste schürten. Öffentlich begründet wurden sie mit der wachsenden Armut und weiteren Verelendung der Dritten Welt. Deren Hauptgrund sei ihr unverantwortlicher Kinderreichtum.
Noch andere Gründe wurden öffentlich angeführt. Die aber wurden von Zeit zu Zeit ausgewechselt. Zuerst war es der drohende Nahrungs- und Rohstoffmangel in der Welt. Seit in den 1980er Jahren selbst Indien Nahrungsmittel exportierte, traten die Umweltbelastungen in den Vordergrund. Der Umwelt-Gipfel in Rio 1992 machte dann allen klar, daß 80% der Umweltbelastungen von den Industrieländern produziert werden, die auch 80% der Rohstoffe verbrauchen. Das Argument eignete sich also auch nicht mehr, um die Entwicklungsländer in die bevölkerungspolitische Pflicht zu nehmen. Seitdem wird die internationale Geburtenkontrolle vor allem mit den Rechten der Frau begründet - so 1994 in Kairo.
Auf der Weltbevölkerungskonferenz in Bukarest 1974 hatten sogenannte „blockfreie Staaten“ diese Weltbevölkerungspolitik imperialistischer Absichten verdächtigt. Daraufhin entwarf der US-Sicherheitsrat die Grundlinien für eine US-Weltbevölkerungspolitik. In dem Papier, das erst 25 Jahre später öffentlich zugänglich wurde, ist vor allem die Rede vom Risiko internationaler politischer Destabilisierung und Gewichtsverlagerung durch das Bevölkerungswachstum und die Armut in den Entwicklungsländern, von Sicherung der Rohstofflieferungen und Sicherheitsinteressen der USA. Der US-Sicherheitsrat warnt darin seine Regierung vor Alleingängen auf dem sensiblen Gebiet der Geburtenkontrolle in Entwicklungsländern und empfiehlt internationale Zusammenarbeit, gerade auch mit den Führenden in Entwicklungsländern - in deren ureigenstem Interesse. Dort tätig werden sollten auch besser nicht die Regierungen, sondern möglichst supranationale Organisationen (wie UNO-Bevölkerungsfonds, Weltbank, u.a.) und international tätige private Stiftungen oder „Nichtregierungsorganisationen“ (wie etwa die in England ansässige IPPF, deren deutsche Sektion Pro Familia heißt). Der auf das Papier vom Dezember 1974 folgende erste Jahresbericht zur US-Weltbevölkerungspolitik vom Mai 1976 empfiehlt im übrigen, statt von Geburtenkontrolle lieber von Familienplanung oder – noch besser – von verantwortlicher Elternschaft zu sprechen.
In wohl keinem Land wurde seitdem mehr Geld ausgegeben als in den USA für eine weltweite „Bewusstseinsbildung“ im Sinne der Notwendigkeit von Geburtenkontrolle. Aber auch wohl in keinem anderen Land – und das ehrt die USA – hat es mehr Widerspruch und Widerstand gegen diese Politik und ihre ideologischen Grundlagen gegeben. Die US-Regierung hat längst ihre Zahlungen an den UN-Bevölkerungsfonds eingestellt. Woraufhin übrigens Deutschland die Zahlungen erhöht hat.
In den USA wie anderswo gibt es allerdings noch potente Nichtregierungsorganisationen und private Stiftungen, die der Bevölkerungsplanungsideologie der 1970er Jahre nach wie vor verfallen sind – so bei uns die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, die mitunter den Eindruck einer Propagandaagentur für weltweite Verhütung und Kriminalisierung der Schwangerschaft macht. Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung wird sie vom UN-Bevölkerungsfonds, der Rockefeller Stiftung und der Weltbank mitfinanziert.
Den Schlagwörtern von der Bevölkerungsexplosion und der Überbevölkerung wurde in Deutschland so gut wie nirgendwo widersprochen. Als auf der Frankfurter Buchmesse 1998 ein deutscher Verlag für das Standardwerk eines wirtschaftsoptimistischen amerikanischen Autors über Bevölkerung und Entwicklung gesucht wurde, antworteten drei einschlägige Verlage nahezu gleichlautend: Das Thema sei von Interesse, aber nur „in der anderen Richtung“: im Sinne von Problematisierung. Für Zuversicht gebe es in Deutschland keinen Markt.
Manchem unserer Landsleute dürfte erst heute - angesichts der Verunsicherung über die Zukunft der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung – aufgehen, dass bei uns das Problem seit dreißig Jahren in der entgegengesetzten Richtung liegt, nämlich beim Kindermangel. Jene Werbung war also höchst erfolgreich. Die Folgen unseres demographischen
Dilemmas auch für den Arbeitsmarkt, den Wirtschaftsstandort, die Kultur werden uns noch lange den Kopf zerbrechen. Und wie es jetzt aussieht, werden uns die Entwicklungsländer in das Dilemma folgen.
Schon 1988 hat der französische Demograph Jean Bourgeois-Pichat einmal unterstellt, alle Länder der Welt – die heutigen Entwicklungsländer 150 Jahre später als die Industrieländer -übernähmen auf die Dauer das Reproduktionsverhalten der Deutschen und blieben auf Dauer dabei. Nach seinen Berechnungen wären dann die heutigen Industrieländer im Jahr 2250, die heutigen Entwicklungsländer im Jahr 2400 ausgestorben. Damit wollte er aber nur aufzeigen, dass solch langfristige Prognosen keinen Wert haben. Das wirkliche Interesse seiner Arbeit galt einem Vergleich der Bevölkerungsentwicklungen im europäisch-christlichen, islamischen, chinesischen, sonst asiatischen und lateinamerikanischen Kulturkreis. Danach tendieren die westlichen Industrieländer, die 1939 noch 33,1% und 1988 noch 23% der Weltbevölkerung stellten, bis 2100 zu 11,8%.
Die Wachstumsraten der Bevölkerungen in den Entwicklungsländern sind, wie gesagt, nach dem II. Weltkrieg jährlich gestiegen. Bis 1968, wie die Demographen seit einem Vierteljahrhundert wissen. Seitdem sinken sie. Die Bevölkerungen wachsen noch und werden noch einige Jahrzehnte wachsen. Es gibt mehr Jugendliche, die erst noch ins Elternalter hineinwachsen, und sie werden zwar weniger Kinder haben als ihre Großeltern, aber mehr von ihnen werden als Alte sterben. Nach und nach werden sich die Zahlen der Geburten denen der Sterbefälle angleichen.
Das war in Europa genauso. Es ist eine Art demographisches Gesetz. Man spricht vom „demographischen Übergang“. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts an nahm, zuerst in England, infolge verbesserter Lebensbedingungen die Bevölkerung zu. Unter gleichbleibenden wirtschaftlichen Verhältnissen (Landwirtschaft) entstand Bevölkerungsdruck, d.h. Not. 1798 veröffentlichte Thomas Robert Malthus seine Schrift „Über das Bevölkerungsgesetz“. Sie löste dieselben Ängste und Diskussionen aus wie bei uns die Rede von der „Überbevölkerung“. Viele Engländer wanderten aus, nach Amerika, Australien, in die Kolonien: Ausdehnung des British Empire. Zu Hause zwang der Bevölkerungsdruck zu neuem Wirtschaften. Es begann die Industrialisierung Englands. Ohne den Bevölkerungsdruck wäre es kaum dazu gekommen.
Im 19. Jahrhundert vervierfachte sich die Bevölkerung – bei mehr als verdoppelter Lebenserwartung und mit einem um 1800 geradezu unvorstellbaren Lebensstandard. Dann passten sich die Geburten – im 20. Jahrhundert und auf dem höheren Niveau – den Sterbefällen wieder an.
Was nicht zum Gesetz vom demographischen Übergang gehört, ist der „Pillenknick“ der 1970er Jahre und die neuere Abtreibungspraxis: mit der Folge der Alterung und Schrumpfung der Bevölkerungen.
Ein idyllischer Vorgang ist der Prozess eines demographischen Übergangs allerdings nicht. Das war er auch in Europa nicht. Bekanntlich war in der Epoche der Frühindustrialisierung die Not für viele erdrückend. Die Slums von Liverpool und Manchester um 1840 dürften den Elendsvierteln um die Megastädte mancher Entwicklungsländer heute nicht gar so unähnlich gewesen sein. Aber dieser Druck war zugleich die Kraft zur Innovation, mit der die Massenarmut überwunden wurde.
In den Entwicklungsländern ist mancherorts gewiss die Massenarmut und Not noch größer. Denn der Entwicklungsprozeß läuft hier weit schneller ab – mit entsprechend verschärften Begleiterscheinungen. Wofür England 200 Jahre brauchte, das lief in Japan in 100, in Korea in 50 Jahren ab. Sie mussten die Industrialisierung nicht mehr erst erfinden.
Auch wenn manche heutigen Entwicklungsländer sich – aus vielen Gründen – schwerer tun, steht zweierlei fest:
1. Ohne Bevölkerungsdruck werden sie sich nicht zu modernen Gesellschaften entwickeln;
2. Diesen Prozess können die Industrieländer mit einer vernünftigen Entwicklungspolitik, die die einzelnen Menschen ernstnimmt, wesentlich beschleunigen.
Eine politische Geburtenbeschränkung nimmt gerade die einzelnen Menschen nicht ernst.
In Entwicklungsländern haben die Leute in der Regel nicht mehr Kinder als sie wünschen. Mehr allerdings als die internationalen Bevölkerungsplaner wünschen. Deren Familienplanungsprogramme funktionieren vor Ort deshalb auch kaum so wie gedacht. Damit relativiert sich das Problem. Organisationen wie die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung neigen dazu, den Rückgang der Geburtenziffern ihrer Verhütungsstrategie zuzuschreiben. Schon 1985 ermittelte eine unabhängige Studie der John Hopkins Universität in Baltimore, dass solche Programme allenfalls 20% des Geburtenrückgangs in den Entwicklungsländern erklären. 80% sind demnach Folge des fortschreitenden demographischen Übergangs.
Weil die Politik der Geburtenbeschränkung den Bevölkerungsdruck beseitigen möchte, bevor er die Schubkraft zur Innovation entfaltet hat, läuft sie Gefahr, den Entwicklungsprozess zu behindern. Laut "Der Spiegel" hat sogar die einstmals eifrige Verfechterin der Familienplanungsprogramme Gro Harlem Brundtland, ehemals Premierministerin Norwegens, eingesehen: „Während die Industrienationen zuerst reich wurden und dann alterten, werden die Entwicklungsländer altern, bevor sie es zu Reichtum gebracht haben.“
Ob die Entwicklungsländer beim Absturz in dieses Elend den internationalen Bevölkerungsplanern wohl ihre beste Absicht zugute halten?
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