Familien in prekären Lebenslagenn – Obrigkeitsstaatliche Verhaltenslenkung durch „Gutscheine" (2)

Familien in prekären Lebenslagenn – Obrigkeitsstaatliche Verhaltenslenkung durch „Gutscheine" (2)

In ihrer Untersuchung über die Lebenssituation von Familien in unteren bzw. „prekären“ Einkommenslagen sind die Forscher des Deutschen Jugendinstitut der Frage nachgegangen, welche familienpolitischen Maßnahmen Eltern für besonders wichtig erachten. Von den erfragten familienpolitischen Anliegen hatten Ganztagsschulen für die Eltern eindeutig die geringste Priorität. Wesentlich häufiger wurden die „Förderung des Wohneigentums“, „mehr öffentliche Betreuungseinrichtungen“, „besondere Hilfen für Einkommensschwache“ und ein „Ausgleich für Familienarbeit (Familiengeld)“ als „sehr wichtig oder unverzichtbar“ angesehen. Das eindeutig wichtigste Anliegen war den Eltern die „Sicherheit des Arbeitsplatzes“. In dieser Bewertung familienpolitischer Ziele stimmten Eltern in allen wirtschaftlichen Lagen weitgehend überein (29).

von Stefan Fuchs
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Zu den anderen Teilen der Serie:

>Teil1

Unterstützung in prekären Lebenslagen – Anliegen der betroffenen Familien

Untersucht wurde auch, welche Informations-, Beratungs- und Bildungsangebote geeignet sein könnten, um Familien in ihrem Bestreben nach wirtschaftlicher Eigenständigkeit zu unterstützen. Es stellte sich heraus, dass Schuldnerberatung, Verbraucherberatung und Hilfen für die Haushaltsbuchführung von untergeordneter Bedeutung waren. Interesse hatten Eltern in prekären wirtschaftlichen Lagen vor allem an Beratung zur Verbesserung ihrer Einkommenschancen. Gesucht wurden dabei nicht nur Beschäftigungs-, sondern auch Nebenerwerbs- und Fortbildungsmöglichkeiten (30).

Das Interesse der Eltern in prekären Lagen an Nebenerwerbsmöglichkeiten sowie an beruflicher Beratung und Fortbildung zeigt, dass sie Chancen sehen, ihre wirtschaftliche Situation durch eigene Anstrengung zu verbessern. Dies ist insofern einleuchtend, als es sich bei Familien in unteren Einkommenslagen oft um relativ junge Familien handelt. Ein Teil der Probleme junger Familien in prekären wirtschaftlichen Lagen könnte daher durch Einkommensverbesserungen aufgrund mit dem Alter ansteigender Gehälter und besserer Erwerbspositionen vermindert werden. Im Blick auf die Lage junger Familien vermissen die Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts Modelle, die junge Familien mit unterhaltspflichtigen Kindern unterstützen, wie z. B. eine lebenslaufrelevante Bezahlung, die „statt Älter werden Bedürftigkeit begünstigt, oder Anspar- bzw. Kreditphasen in Bezug auf die Arbeitszeit oder Bezahlung“ (31).

Gutscheine und Dienstleistungsangebote – Familienförderung der Zukunft?

Zu den zentralen Zielen der seit der Amtszeit von Renate Schmidt als Bundesfamilienministerin verfolgten neuen, „nachhaltigen“ Familienpolitik gehört die Bekämpfung der Armutsgefährdung von Kindern. Die „nachhaltige“ Familienpolitik hat den Anspruch, die je nach Lebensphase unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien zu berücksichtigen. Der 7. Familienbericht sollte deshalb „Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik“ aufzeigen (32). Die dominierende Perspektive für die Lebensverläufe von Eltern muss aus Sicht des Bundesfamilienministeriums eine „kontinuierliche Erwerbstätigkeit“ sein. Vorrangiges Ziel der „nachhaltigen“ Familienpolitik ist deshalb die möglichst umfassende Integration von Eltern, insbesondere von Müttern kleiner Kinder, in das Erwerbsleben. Zu diesem Zweck werden die finanziellen Ressourcen zugunsten des Ausbaus einer flächendeckenden Betreuungsinfrastruktur sowie eines umfassenden „Dienstleistungsangebots“ für Eltern und – z. B. durch die Elterngeldreform – zu Lasten der häuslichen Kindererziehung neu verteilt.

Zusätzliche finanzielle Mittel sollen deshalb vorrangig nicht mehr den Eltern, sondern dem Ausbau der institutionellen Kinderbetreuung zufließen. Begründet wird dies damit, dass zusätzliche finanzielle Hilfen für Familien nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich seien. So vertritt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück die Auffassung, dass der Ausbau der Kinderbetreuung einer Erhöhung des Kindergeldes vorzuziehen sei. Die Frage sei, ob „man den Eltern etwas mehr Geld für DVDs oder Zigaretten gebe oder man bedeutend mehr für die Kinder mit besseren Betreuungs- und Bildungsangeboten erreiche“ (33).

Anlässlich der Diskussion um das Betreuungsgeld meinte Bundesfamilienministerin von der Leyen, das an die Eltern gezahlte Geld dürfe nicht in „noch größere Flachbildschirme“ fließen (34). Besonders besorgt zeigten sich Politiker im Blick auf etwaige Ausgaben von Eltern für alkoholische Getränke: Eltern, die „drastisch ausgedrückt – schon das Kindergeld versaufen“, dürfe man nicht noch 150 Euro zusätzlich geben, sagte der CSU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Zöller (35). Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper sprach von einem „Schnapsgeld“ (36).

Woher beziehen diese Politiker ihre Kenntnisse über das Ausgabeverhalten von Eltern? Wohl kaum aus den Quellen der amtlichen Statistik und der empirischen Sozialforschung. Denn aus der amtlichen Statistik geht hervor, dass Familien den größten Teil ihrer Ausgaben für Grundbedürfnisse aufwenden müssen: Schon 2003 haben Haushalte mit Kindern durchschnittlich mehr als die Hälfte ihrer gesamten Ausgaben für Nahrung, Wohnung und Kleidung benötigt (37). Seitdem haben sich die Güter des täglichen Bedarfs, insbesondere die Lebensmittel, erheblich verteuert. Die Energiepreise sind drastisch angestiegen. Zudem hat die Bundesregierung die Mehrwertsteuer erhöht. Geld, das Eltern vom Staat erhalten, dient damit zwangsläufig dem Zweck die Grundbedürfnisse von Familien zu decken. Selbst wenn die Eltern dies wollten: Für Tabak, Spirituosen, DVD`s und Flachbildschirme kann es dann nicht mehr ausgegeben werden.

Besonders einkommensschwache Familien sind gezwungen sparsam zu wirtschaften. Wie die Kinderkostenstudie des Statistischen Bundesamts belegt, sparen die Eltern dabei nicht primär an den Ausgaben für die schulische Ausbildung ihrer Kinder, sondern z. B. an den Aufwendungen für Möbel, Restaurantbesuche und Urlaubsreisen (38). Im Gegensatz zu den Besorgnissen mancher Politiker beschränken einkommensschwache Eltern auch ihre Ausgaben für Alkohol. So trinken Eltern in prekären Einkommenslagen seltener Alkohol als Angehörige höherer Einkommensgruppen (39). Auch Drogen konsumieren sie seltener als Befragte, die in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen leben (40). Anlass zur Sorge sollte dagegen die Erkenntnis des Deutschen Jugendinstituts geben, dass sozialhilfebeziehende Mütter überdurchschnittlich häufig Drogen konsumierten. Diese Mütter hatten meistens einen Partner, der arbeitslos war (41). Solchen Familien fehlt es möglicherweise an den humanen und sozialen Ressourcen, die notwendig wären, um ihre schwierige wirtschaftliche und soziale Lage aus eigener Kraft zu verbessern.

Familien in prekären Einkommenslagen, die für ihren Lebensunterhalt selber aufkommen, verfügen dagegen über ein erhebliches Potential zur Selbsthilfe. Dies zeigt sich in ihrem wirtschaftlichen Verhalten: Trotz der engen finanziellen Spielräume gelingt es einem Teil dieser Familien immer noch, Ersparnisse zu erwirtschaften. Hinsichtlich ihrer Sparziele (Vorsorge, Schuldentilgung, größere Anschaffungen) unterscheiden sie sich nur wenig von Familien in gesicherten Lebensverhältnissen (42). Häufiger noch als Familien aus mittleren und überdurchschnittlichen Einkommenslagen geben Familien in prekären Lebenslagen an, für ihre Kinder zu sparen (43).

Wie kann es Familien gelingen, trotz eines geringen Haushaltseinkommens „über die Runden“ zu kommen? Zweifellos hängt die wirtschaftliche Leistungskraft von Haushalten neben ihrem nominellen Einkommen auch davon ab, inwieweit sie in der Lage sind, ihren Finanzbedarf zu planen, Steuer- und Versicherungsangelegenheiten zu regeln und vor allem ihren Haushalt sparsam und effektiv zu führen. So können durch haushaltsproduktive Tätigkeiten anstelle des Einkaufs kommerzialisierter Güter und Leistungen bestimmte Ausgaben von vornherein vermieden werden. Zu diesen haushaltsproduktiven Tätigkeiten zählen z. B. handwerkliche Leistungen in der Wohnung und an den Fahrzeugen, Reinigung und Kleiderpflege sowie die Zubereitung von Mahlzeiten. Nach Einschätzung der Forscher des Deutschen Jugendinstituts erledigen Familien in prekären Lebenslagen einen guten Teil dieser Aufgaben eigenhändig. Ohne diese Eigenleistungen wäre der Druck, soziale Transferleistungen in Anspruch nehmen zu müssen, noch größer (44). Dieser Befund lässt darauf schließen, dass Eltern in prekären wirtschaftlichen Situationen zumeist durchaus in der Lage sind, ihr Familienleben eigenverantwortlich zu gestalten.

Die „nachhaltige“ Familienpolitik will aber nicht unterschiedliche Lebensentwürfe von Familien nach der Maßgabe ausgleichender Gerechtigkeit unterstützen, sondern gesellschaftspolitische Ziele vorgeben. Oberste Priorität dieser Politik ist die Erwerbstätigkeit beider Elternteile und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Müttern. Zu diesem Zweck soll eine flächendeckende, öffentlich finanzierte Ganztagsbetreuung schon der kleinen Kinder und ein umfassendes Dienstleistungsangebot für Eltern aufgebaut werden (45). Der Ausgleich der zwischen Eltern und Kinderlosen ungleich verteilten finanziellen Lasten ist demgegenüber nachrangig und die finanzielle Entlastung von Eltern deshalb kein zentrales politisches Anliegen.

Die Forderung des Bundesfinanzministers, nicht das Kindergeld zu erhöhen, sondern stattdessen die Kinderbetreuung auszubauen, ist eine logische Konsequenz dieser „Philosophie“. Sie bringt zum Ausdruck, dass Eltern künftig nicht mehr bares Geld, sondern staatlich definierte und angebotene Leistungen erhalten sollen. Dass die Eltern diese Leistungen tatsächlich in Anspruch nehmen, will das Bundesfamilienministerium mit Hilfe eines Gutscheinsystems sicher stellen. Für Gutscheine spricht nach Auffassung des Bundesfamilienministeriums vor allem, dass „eine zielgerichtete Förderung möglich ist“.

Eine Publikation des Ministeriums beschreibt die Vorteile von Gutscheinen gegenüber einer „rein finanziellen Förderung“ von Familien: „Nach Auszahlung des Geldbetrags kann nicht nachverfolgt werden, ob dieser zweckbestimmt ausgegeben wird oder nicht. Der Gutschein hingegen ist zweckgebunden und kann nur für die zugedachte Art der Dienstleistung eingelöst werden“ (46). Mit Gutscheinen könnten gesellschaftspolitische Ziele besonders effektiv verfolgt werden. So ließe sich zum Beispiel die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit beider Elternteile unterstützen, wenn sich die Gutscheinhöhe für eine Kindertagesbetreuung an der Anzahl der Arbeitstage der Eltern orientiert (47). Auf diese Weise könne mit der Ausgabe von Gutscheinen und der „Deckung des Betreuungsbedarfs“ die Erwerbstätigkeit von Eltern erhöht werden, was sich volkswirtschaftlich positiv auswirke (48).

Auch ohne die Förderung der außerhäuslichen Kinderbetreuung durch Gutscheine ist die Erwerbstätigkeit von Müttern in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen. Während vor 35 Jahren in Baden-Württemberg nicht einmal 60% der Frauen nach der Familienphase in den Beruf zurückkehrten, sind es heute etwa 80% der Frauen. Aufgrund dieser Entwicklung werden nach Auskunft des Bundesfamilienministeriums „die Ressourcen von Frauen, die sie für die Familie oder für ein Ehrenamt zur Verfügung stellen können, geringer“ (49). Zugleich stelle der Alltag von Erwerbstätigen „hohe Ansprüche an Organisationstalent und Zeitmanagement in Familien“. Durch die kontinuierliche Erwerbstätigkeit beider Elternteile und die Ausweitung des zeitlichen Umfangs der Erwerbstätigkeit von Müttern dürften diese Ansprüche kaum geringer werden.

Wie das Bundesfamilienministerium feststellt, ist der Alltag vieler Familien schon heute von „Dauerstress“ und „Geldknappheit“ geprägt. Um hier Abhilfe zu schaffen, soll deshalb „im Interesse der Familienhaushalte“ ein umfassendes Angebot an „familienunterstützenden Dienstleistungen“ gefördert werden. Als familienunterstützende Dienstleistungen werden Arbeiten definiert, „die Familien bei größerer zeitlicher Ressource prinzipiell auch selbst erledigen könnten“ (50). Die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen wie bügeln, abwaschen und staubsaugen steige an, weil „die Familien zunehmend weniger Zeit haben, die anfallenden Arbeiten im Haushalt in Eigenarbeit zu leisten“. Belastend sei die tägliche Hausarbeit insbesondere für erwerbstätige Frauen. Zudem ließen sich die steigenden Anforderungen der Arbeitswelt an die Flexibilität der Mitarbeiter/-innen oft nur schwer mit den Pflichten der Haushaltsführung und den Erfordernissen eines Familienlebens vereinbaren (51).

Vor diesem Hintergrund sind haushaltsnahe Dienstleistungen für das Bundesfamilienministerium „ein wesentlicher Schlüssel zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zur besseren Unterstützung älterer Angehöriger sowie zur Stärkung der Erwerbstätigkeit von Müttern“. Hinsichtlich der ökonomischen Bedeutung der haushaltsnahen Dienstleistungen beruft sich das Bundesfamilienministerium auf Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Ihnen zufolge könnten im Bereich haushaltsnaher Dienstleistungen hunderttausende neuer Jobs entstehen. Auf diese Weise sei es möglich, die volkswirtschaftliche Arbeitsteilung generell zu fördern, das wirtschaftliche Wachstum anzuregen und zusätzliche Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen in die öffentlichen Haushalte fließen zu lassen (52).

Subventionierte Dienstleistungen statt Familienarbeit = Mehr Wohlstand?

Der Markt für familienunterstützende Dienstleistungen ist nach Ansicht der Bundesfamilienministerin in Deutschland zu wenig entwickelt, weil Angebot und Nachfrage „noch nicht“ zusammen passen (53). Das Haupthindernis für die „Entstehung legaler Beschäftigungen“ in diesem Bereich sieht das Bundesfamilienministerium darin, „dass der marktgängige Preis so hoch ist, dass viele Familien nicht bereit oder nicht in der Lage sind, diesen zu zahlen“. „Eine Entwicklung des Dienstleistungsmarktes aus sich selbst heraus“ sei daher nicht zu erwarten. Damit Familien vermehrt Dienstleistungen in Anspruch nehmen, müssten die effektiven Preise sinken. Dies sei „nur über dauerhafte staatliche Subventionen erreichbar“.

Diese Subventionierung könne subjektbezogen an der Nachfrageseite oder objektbezogen an der Infrastruktur ansetzen. Als subjektbezogene Förderinstrumente werden besonders „Dienstleistungsschecks“ und „Gutscheinmodelle“ empfohlen. Damit Privathaushalte die „Gutscheine und Dienstleistungschecks“ nutzen können, muss eine flächendeckende Infrastruktur bereit gestellt werden. Deshalb will das Bundesfamilienministerium „lokale Familiencenter“ fördern, die als „Vermittlungsagenturen“ zwischen den Bedürfnissen der Familien und den Dienstleistungsangeboten agieren sollen. Die Nutznießer dieser Förderung stellt die vom Bundesfamilienministerium gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung herausgegebene Broschüre „Neue Generation von Dienstleistungen – unterstützend für Familien, effektiv für Unternehmen“ vor. Darin wird beispielhaft die PME Familienservice GmbH als „Deutschlands bekannteste Agentur für Work-Life-Balance“ vorgestellt. Dank der staatlichen Förderung von institutioneller Kinderbetreuung und haushaltsnahen Dienstleistungen entwickelt sich für solche Unternehmen eine neue Angebots-Nachfrage-Dynamik“. So entsteht – von den Steuerzahlern finanziert – ein neuer Wirtschaftszweig.

Die Dienstleistungsangebote dieses Wirtschaftszweigs sollen die Anreize zur „alleinigen Kinderbetreuung durch ein Elternteil anstelle der Inanspruchnahme formeller Kinderbetreuung“ und zur „Haushaltsproduktion“ reduzieren. Schließlich müssen beide Elternteile kontinuierlich und möglichst in Vollzeit erwerbstätig sein. Dies ist im Sinne jener Ökonomen, die Kindererziehung durch die Eltern für eine ineffiziente „Produktion haushaltsnaher Dienstleistungen“ und für eine „Vergeudung von Humankapital“ halten. Für gut verdienende Akademiker ist diese Sichtweise naheliegend: Für sie kann es tatsächlich vorteilhaft sein, haushaltswirtschaftliche und handwerkliche Dienstleistungen einzukaufen und die damit verbundene Zeitersparnis in Beruf oder Freizeit zu investieren. Aus der Sicht von Familien in prekären Einkommenslagen ist die Arbeit im Haushalt allerdings keineswegs „unproduktiv“: Sie erspart ihnen erhebliche Ausgaben und trägt dazu bei, einen gewissen Lebensstandard, insbesondere hinsichtlich des Wohnens und der Verpflegung, aufrechtzuerhalten. Auch im Blick auf die Stabilität der familiären Beziehungen sind diese Arbeiten nicht gering zu schätzen. Sie gehören zu einem „investiven“ Lebensstils, der sich nicht auf staatliche Betreuung und Alimentation, sondern auf eigene Ressourcen als Quelle des häuslichen Wohlstands stützt.

Die Bedeutung dieser Arbeiten für das Wohlbefinden von Familien zeigt sich an den Anforderungen, die an ihre Qualität gestellt werden. So ist nach Angaben des Bundesfamilienministeriums jeder zweite Befragte, der professionelle haushaltsnahe Dienstleistungen in Anspruch nimmt, mit ihrer Qualität unzufrieden. Die Anforderungen an Arbeitskräfte in diesem Bereich sollten daher „nicht unterschätzt“ werden. Denn obwohl es sich um Arbeiten handele, „für die scheinbar keine besondere Qualifikation notwendig ist, sind neben körperlicher Belastbarkeit auch eine Reihe von persönlichen Voraussetzungen wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Sozialkompetenz etc. unverzichtbar“. Für Betreuungstätigkeiten seien zudem „pädagogische oder altenpflegerische Qualifikationen“ notwendig. In diesem Bereich tätige Firmen hätten deshalb „Schwierigkeiten, geeignete Arbeitskräfte zu finden, die selbständig arbeiten und sich auf Anforderungen wechselnder Kunden einstellen“ (54).

Was könnten nicht-vollzeiterwerbstätige Eltern dazu beitragen, die Qualität auf dem Markt der kommerzialisierten Kinderbetreuung und Haushaltswirtschaft zu sichern? Zunächst einmal sollten sie sich mit anderen Eltern, am besten in ihrer Nachbarschaft, zusammen- schließen und gemeinsam ihren jeweiligen Bedarf an Betreuung und haushaltsnahen Dienstleistungen ermitteln. Dann müssten sie sich in einem „lokalen Familiencenter“ als Anbieter für „haushaltsnahe Dienstleistungen“ anmelden. Von der zuständigen staatlichen Behörde bekommen sie dann (hoffentlich) „Dienstleistungschecks“ oder „Gutscheine“. Diese könnten sie dann wechselseitig einlösen: Frau Müller für die Kinderbetreuung bei Frau Meier und Frau Meier für die Wohnungsreinigung bei Frau Müller. Solange das Amt nicht zur Kontrolle kommt, könnte dann Frau Meier ihre Wohnung auch eigenhändig reinigen und Frau Müller ihre Kinder sogar selber betreuen.

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zusätzlicher Link:

>IDAF: „Familien trotz Erwerbstätigkeit oft in prekären Lagen"

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Anmerkungen

(29) Vgl.: Alois Weidacher: Verhalten von Familien in prekären Lebenslagen, in: S. 191-226, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, Wiesbaden 2004, S. 213-214.
(30) Vgl. ebd., S. 217.
(31) Vgl.: Walter Bien/Richard Rathgeber: Familien in prekären Lebenslagen – zur politischen Relevanz der Untersuchungsergebnisse. Zusammenfassung und Ausblick, in: S. 229-242, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, Wiesbaden 2004, S. 231.
(32) Kritisch zum 7. Familienbericht der Bundesregierung: Ilona Ostner: Sozialwissenschaftliche Expertise und Politik. Das Beispiel des Siebten Familienberichts, S. 385-390, in: Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 36, Heft 5, Oktober 2007, S. 388.
(33) Vgl.: Zigaretten oder Kitas: Streit ums Kindergeld, n-tv vom 1. Februar 2008.
(34) Vgl.: Familiennetzwerk: Pauschale Diskriminierung der Eltern ist willkürlich.
(35) Vgl. ebd.
(36) Vgl.: Gutscheine oder Bargeld. FDP-Parteitag spricht sich gegen „Herdprämie“ der CSU aus, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Juni 2007, S. 4.
(37) Vgl. Margot Münnich: Einkommensverhältnisse von Familienhaushalten und ihre Ausgaben für Kinder. Berechnungen auf der Grundlage der Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2003, S 651-652.
(38) Vgl. ebd., S. 662-663.39 Vgl.: Hedwig Spegel: Gesundheit und Gesundheitsverhalten in Verbindung mit prekären Lebenslagen, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, Wiesbaden 2004, S. 129-130.
(40) Vgl. ebd., S. 138.
(41) Vgl. ebd., S. 139.
(42) Vgl. ebd., S. 205.
(43) Vgl.: Walter Bien: Vorwort, S. 7-12, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, Wiesbaden 2004, S. 12.
(44) Vgl.: Alois Weidacher: Verhalten von Familien in prekären Lebenslagen, S. 191-226, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, Wiesbaden 2004, S. 219.
(45) Vgl.: Ilona Ostner: Sozialwissenschaftliche Expertise und Politik. Das Beispiel des Siebten Familienberichts, S. 385-390, in: Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 36, Heft 5, Oktober 2007, S. 388.
(46) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Gutscheine: Gezielte Förderung für Familien, Monitor Familienforschung Ausgabe 12, Stuttgart 2007, S. 3.
(47) Vgl. ebd., S. 4.
(48) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Arbeitsbericht Zukunft für Familie, Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2008, S. 83.
(49) Vgl. ebd., S. 7.
(50) Vgl. ebd., S. 5.
(51) Vgl. ebd., S. 6.
(52) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Entlastung für Familien durch familienunterstützende Dienstleistungen. Monitor Familienforschung Ausgabe 13, Stuttgart 2008, S. 4. 
(53) Vgl. ebd.54 Vgl. ebd., S. 12.