Unser Bevölkerungsdilemma: Alterung und Schrumpfung
Um die Elterngeneration zu ersetzen, müssten in Deutschland 50% mehr Kinder geboren werden. Seit drei Jahrzehnten. Um die Großelterngeneration zu ersetzen, müssten jetzt 50% mehr Mütter 50% mehr Kinder gebären. Seit mehr als drei Jahrzehnten steht aber die Aufmerksamkeit auf die Bevölkerungsentwicklung bei uns im Schatten einer internationalen Propaganda für eine Weltbevölkerungspolitik der Geburtenbeschränkung.
von Hans Thomas
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Gelegentlich ist es gut, einmal ein altes Buch zu lesen. In Paderborn erschien 1920 unter dem Titel „Lebensbeherrschung und Lebensdienst“ das Werk eines gewissen J. Klug, das den wissenschaftlichen Stand und die öffentlichen Vorstellungen der Zeit spiegelt, auch in Sachen Bevölkerungsentwicklung. Auf Seite 278 des II. Bandes schreibt der Verfasser über den „Weißen Tod“. Im Gegensatz zum „schwarzen Tod“ der mittelalterlichen Pest und dem „roten Tod“ des I. Weltkrieges war mit dem „weißen Tod“ gemeint das „langsame Hinsterben der Völker infolge eines fortgesetzten Rückgangs der Geburtenziffer“. In Deutschland gebaren um 1900 die Frauen durchschnittlich noch 5 Kinder. Aber schon ab 1920 waren die Kinderzahlen nicht mehr hinreichend, um die Elterngeneration zu ersetzen.
In England berief König Georg VI. am 3. März 1944 eine Kommission für Bevölkerungsfragen (Royal Commission on Population). Nicht Angst vor Überbevölkerung war der Grund, vielmehr die Sorge um den spektakulären Rückgang des Bevölkerungswachstums in England. Im 18. und 19. Jahrhundert hatte vor allem das schnelle Bevölkerungswachstum in Europa, so die Kommission, „die Ausdehnung europäischer Herrschaft über bewohnte tropische und subtropische Länder und deren Entwicklung zu Nahrungs- und Rohstofflieferanten ermöglicht.“ Inzwischen stagnierten in Europa die Bevölkerungen, während sie in den Kolonien ihr Wachstum beschleunigten. Eine politische Sorge!
Nach dem II. Weltkrieg wurden aus den Kolonien selbständige Entwicklungsländer. Infolge ihrer Entwicklung leben dort die Menschen länger. Ein Sieg über den vorzeitigen Tod. Also ein Segen. Die Sterblichkeit sinkt, insbesondere die hohe Kindersterblichkeit. Die Leute bekamen nicht mehr Kinder als vorher. Aber auch nicht weniger – jedenfalls nicht sogleich. Das war der Grund für das schnelle Bevölkerungswachstum in der „Dritten Welt“. Sogar die Wachstumsraten nahmen von Jahr zu Jahr zu. Seit 1968 sinken sie – wie in Europa Anfang des 20. Jahrhunderts.
Manche ehemaligen Entwicklungsländer haben auch bereits ihr Geburtendefizit. Wie es aussieht, werden uns die Entwicklungsländer – wenn auch zeitversetzt - in das Dilemma der Alterung und Schrumpfung folgen. Schon 1988 hat der französische Demograph Jean Bourgeois-Pichat einmal unterstellt, alle Länder der Welt – die heutigen Entwicklungsländer 150 Jahre später als die Industrieländer - übernähmen auf die Dauer das Reproduktionsverhalten der Deutschen und blieben auf Dauer dabei. Nach seinen Berechnungen wären dann die heutigen Industrieländer im Jahr 2250, die heutigen Entwicklungsländer im Jahr 2400 ausgestorben.
Mit dieser Berechnung wollte Bourgeois-Pichat allerdings nur aufzeigen, dass solch langfristige Prognosen keinen Wert haben. Das wirkliche Interesse seiner Arbeit galt einem Vergleich der Bevölkerungsentwicklungen im europäisch-christlichen, islamischen, chinesischen, sonst asiatischen und lateinamerikanischen Kulturkreis. Die westlichen Industrieländer stellten 1939 noch 33,1% der Weltbevölkerung und 1988 noch 23%. Nach Bourgeois-Pichat tendieren sie bis 2100 zu 11,8%.
Seit den 1960er Jahren standen bei uns die Stichwörter „Weltbevölkerung“, „Bevölkerungsexplosion“ und „Überbevölkerung“ auf der Agenda der Medien und der Politik. Horrorszenarien wurden ausgemalt, nach denen es demnächst darum gehen werde, noch einen Stehplatz auf unserem Planeten zu ergattern. In den 1970-80er Jahren fanden es selbst hierzulande nicht wenige Jungverheiratete „unverantwortlich, heutzutage noch Kinder in die Welt zu setzen“.
Manchem unserer Landsleute dürfte erst heute - angesichts der Verunsicherung über die Zukunft der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung – aufgehen, dass bei uns das Problem seit dreißig Jahren in der entgegengesetzten Richtung liegt, nämlich beim Kindermangel. Die Folgen unseres demographischen Dilemmas auch für den Arbeitsmarkt, den Wirtschaftsstandort, die Kultur werden uns noch lange den Kopf zerbrechen.
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