Mit jeder Sekunde älter
In früheren Zeiten wurden alte Menschen verehrt, heute werden sie als soziale Last gefürchtet. Wer soll ihre Renten zahlen, wer ihre Pflege übernehmen und wer soll ihre teure medizinische Betreuung finanzieren? Alter bedeutet gemeinhin Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit. Dabei wird vergessen: Das Schicksal älter zu werden, ereilt jeden von uns. Nur langsam steuern die mit der Biologie des Alterns befassten Wissenschaftler um, vorneweg die Neurologen und erforschen nicht nur, wie sie den Altersverfall abmildern können, sondern auch wie sich die kreativen Fähigkeiten der Alten verlängern lassen.
Gewichte und Schienen an Gelenken und Hals lassen die Glieder schwer und steif werden. Eine getönte Brille verengt und trübt den Blick, durch Kopfhörer dringen nur gedämpfte Laute, Handschuhe simulieren das abnehmende Fingerspitzengefühl. Wer in eine solche Simulationsausrüstung schlüpft, ist auf einen Schlag, zumindest körperlich, 40 Jahre älter und erfährt unmittelbar, was es bedeutet, wenn die physischen Fähigkeiten nachlassen. Jeder Schritt ist beschwerlich, Bücken kaum noch möglich, das Antippen winziger Tasten kommt einem Vabanque-Spiel gleich.
Dieser Alterssimulator wurde von einer niederländischen Universität entwickelt und wird von verschiedenen Firmen, die sich mit ergonomischer Gestaltung beschäftigen, eingesetzt. Er soll helfen, die Bedienbarkeit der Produkte ihrer Industriekunden - etwa Geschirrspüler oder Waschmaschinen - altersgerecht zu gestalten. Aber auch Krankenhäuser und Pflegedienste nutzen den Alterssimulator, damit ihre Mitarbeiter am eigenen Körper erleben, was es bedeutet, alt zu sein, etwa 75 bis 80 Jahre.
Das Altwerden beginnt mit der Zeugung
Gemeinhin wird unterstellt, dass der Alterungsprozess mit Erreichen des Rentenalters verstärkt einsetzt. Tatsächlich beginnt er bereits mit dem Verschmelzen von Ei und Samenzelle. Nicht von ungefähr plant Peter Gruss, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, die Gründung eines neuen Max-Planck-Instituts für die Biologie des Alterns, "das den gesamten Lebenslauf vom befruchteten Ei bis zum Tod des Individuums (multidisziplinär) in den Blick nimmt".
War die Forschung bislang damit beschäftigt, den Alterungsprozess in seinen späten Stadien abzumildern, so ist es mittlerweile allgemeine Erkenntnis, dass der Alterungsprozess an Dramatik verliert, wenn sich der Mensch sozusagen schon von Jugend an darauf einstellt. Das ganze Leben hindurch - vom frühen Embryo bis zum Tod - finden Wandlungen, Umgestaltungen und scheinbar irreversible Prozesse statt. Das Entwicklungspotential der Körperzellen wird mit ihrer Spezialisierung immer weiter reduziert, bis nach einer bestimmten Anzahl von Zellteilungen der Zelltod eintritt (nur Keimzellen, Krebs- und Stammzellen sind von solchen Alterungsprozessen ausgenommen).
Altern ist mittlerweile zum zentralen Thema der Regenerationsbiologie geworden. Und der kognitiven Neurowissenschaften. Hier ist ebenfalls die Max-Planck-Gesellschaft führend, genauer gesagt, das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin Dahlem. Am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Instituts (Leitung: Prof. Ulman Lindenberger) forscht eine Gruppe von jungen Wissenschaftlern um den schwedischen Psychologen und Neurowissenschaftler Martin Lövdén, wie sich die aktive und kreative Phase des alternden Menschen ausdehnen läßt, wie sich Lern- und Kraftreserven mobilisieren lassen. Um messbare Ergebnisse über Lern- und Reaktionsgeschwindigkeit älterer Erwachsener im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen zu erhalten, haben Lövdén und seine Kollegen, unter ihnen mehrere IT-Spezialisten, einen virtuellen Zoologischen Garten entworfen - die Probanden sollen nach Vorgaben bestimmte Zoo-Tiere suchen. Während sie per Taste über die Bildschirm-Wand navigieren, müssen sie sich gleichzeitig auf einem Laufband fortbewegen.
Schon in der Schule ans Altern denken
Dr. Lövdén, der für dieses Forschungsvorhaben den mit einer Million Euro dotierten Sofja Kovalevskaja-Preis erhielt, vertritt die These, dass die Aufklärung über das Altern bereits in der Schule beginnen sollte, dass man in der Schule "über die gesamte Lebensspanne sprechen sollte". Und: "Man sollte jungen Leuten das Verständnis dafür vermitteln, dass die Entwicklung nicht aufhört, wenn man erwachsen ist. Altern ist Entwicklung. Das Individuum befindet sich in einer ständigen Veränderung. Wenn man das versteht, kann man schon sehr früh mit Prävention beginnen und dafür sorgen, dass der Alterungsprozess gesünder wird."
Das würde einen Paradigmenwechsel bedeuten. Bemühte sich die Gesellschaft bislang, den Gedanken ans Altwerden und Tod zu verdrängen, so plädiert die Wissenschaft jetzt dafür, das Leben als einen ständigen Entwicklungsprozess aufzufassen, bei dem jeder selbst bestimmt, wie selbstbestimmt er sein Alter gestaltet.
Die Jungen von heute altern langsamer
Auf die Frage, wie es sich erklären lässt, dass die Menschen heutzutage weniger rasch altern, glaubt Lövdén die Erklärung in der Tatsache gefunden zu haben, dass junge Menschen heutzutage "im Alter von 20 Jahren flexibler und intelligenter sind als früher und deshalb langsamer altern. Bildung und veränderte Lebensgewohnheiten wirken sich auf den Alterungsprozess aus." Und weiter: "An der Tatsache, 65 Jahre alt zu sein, sollte langsam nichts außergewöhnliches mehr sein - auch wenn Gedächtnis und Merkgeschwindigkeit nachzulassen beginnen; andere Fähigkeiten wie Schreiben oder Lesen bleiben bis zum 80. Lebensjahr intakt. Und ältere Menschen haben mehr Lebenserfahrung."
Ein Gen, das die Lernfähigkeit begünstigt
Wenn man mehr über Forschungen an Max-Planck-Instituten zur kognitiven Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns erfahren möchte und im Internet surft, dann stößt man unter anderem auf eine Veröffentlichung von Martin Korte (Max Planck Institut für Neurobiologie, Martiensried bei München). Sie trägt den Titel: Zelluläre Grundlagen von Lern- und Gedächtnisvorgängen. Darin führt er aus:
Wichtig für die Lern- und Gedächtnisfähigkeit bei Mensch und Tier sind die Synapsen, also die Kontaktstellen zwischen den Neuronen (Nervenzellen des Gehirns). Inzwischen ist überdies bekannt, dass die Intensität der Lern- und Gedächtnisfähigkeit durch die simultane Erregung der prä- und postsynaptischen Zellen reguliert wird (Langzeitpotenzierung - longterm-potentiation/LTP). Über lange Zeit indes war unbekannt, durch welche Signalwege die Langzeitpotenzierung aufrecht erhalten wird - bis im Max-Planck-Institut für Psychiatrie (heute Max-Planck-Institut für Neurobiologie) das BDNF (Brain-derived-neurotrophic-factor) vor etwa drei Jahren entdeckt wurde. Es gehört zur Genfamilie der Neurotrophine. Durch Tier-Experimente konnte gezeigt werden, dass es "die synaptische Transmission" steigert. Sehr vereinfacht heißt das, dass es ein Gen gibt, das die Lern- und Gedächtnisstärke im Gehirn begünstigt.
Vor der Entdeckung dieser genetischen Zusammenhänge war bereits bekannt: Neben einer gesunden Lebensführung erhöht Bildung die Chancen dafür, dass das Gehirn seine Plastizität bis zu einem gewissen Grad auch im fortgeschrittenen Alter behält. Lebenslanges Lernen und entsprechende Beanspruchung des Gehirns sind Voraussetzung dafür, dass sich Synapsen und vielleicht auch Neurone bis ins hohe Alter bilden, dass Axone und Dendriten sprießen.
Geistige und körperliche Herausforderungen
erhalten jung
Wichtig für die Entwicklung eines alternden Gehirns sind natürlich auch soziale Kontakte. Was in früheren Zeiten das Zusammenleben mit der Familie an Anreizen brachte, das bewirken heute soziale Netze in Gestalt von Vereinen, Verbänden, der Besuch von Vorlesungen an Volkshochschulen oder, wenn möglich, an einer Universität. (In der Sprache der Wissenschaftler liest sich das so: "Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gelang Ulman Lindenberger und Martin Lövdén der empirische Nachweis, dass zumindest im höheren und hohen Alter soziale Teilhabe den alterungsbedingten Rückgang in der Mechanik der Intelligenz aufhalten kann.")
Zusätzlich zur Pflege sozialer Kontakte, so betont Dr. Lövdén, sollten alte Menschen sich nicht scheuen, neben geistigen auch körperliche Herausforderungen zu suchen und etwas zu unternehmen, von dem sie zunächst glauben, dass sie es nicht schaffen.
Unabhängig von allen wissenschaftlichen Forschungen gilt zudem: Die Gesellschaft sollte es dem alternden Menschen selber überlassen, wann er aus dem Berufsleben aussteigt und in den Ruhestand geht. Denn die Isolierung der alten Menschen verursacht genau die Mängel, die man ihnen nachsagt.
Und bei alten Menschen sollte auf keinen Fall das Gefühl entstehen, dass sie eine soziale Last sind. Die Gesellschaft verdankt ihren Wohlstand genau der Generation der Alten, die sich ein Leben lang zurückgenommen hat, heute noch ihre Kinder und Enkel finanziell unterstützt und eigentlich Respekt und Rücksichtnahme verdient hat.
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